rt-go: 2002-02-03

Rotkäppchen, der Wolf
und die böse Oma

- endlich die ganze Wahrheit -

vom Wolf selbst erzählt

Okay, ich bin umgebracht worden und Ihr habt euch alle gefreut. - Ihr könnt es ruhig zugeben. - Ich war nicht schlau genug, und deshalb nehme ich diese Niederlage hin. Jetzt bin ich hier oben in Wallheula (im Wolfsparadies) und möchte diese Geschichte endlich einmal richtig stellen.

Ich könnte heulen , wenn ich die offizielle Version des angeblichen Tathergangs höre. Es war nämlich alles ganz anders:

Ich bin wahrscheinlich einer der sympathischsten Wölfe, die ich kenne. Eines Tages ging ich (mager und sehr hungrig, aber kinderlieb, wie ich nun mal bin) durch den Wald.

Auf einer Lichtung sah ich ein kleines, süßes Mädchen und hielt ein harmloses Schwätzchen mit ihm ab. Ich hatte es gefragt, wohin es ginge, was es in seinem Korb hätte und wo seine arme kranke Oma lebte. Ihr müsst zugeben, dass ich, wenn ich böse wäre, schon nah genug war, um es zu fressen. Aber nein, ich tat es nicht. Tatsache ist, dass mich Rotkäppchens Korb interessierte mit all den leckeren Sachen, das will ich unumwunden zugeben. Ich war schließlich sehr, sehr hungrig. Aber mit meinen stumpfen, alten Zähnen hätte ich nicht einmal ein altes, gut abgehangenes Brathähnchen tot beißen können, geschweige denn ein frisches junges Mädchen. Ich wollte ja nur den Korb. Da war doch bestimmt auch leckere Schokolade drin. Weil ich aber Skrupel hatte, das kleine Mädchen zu erschrecken (da seht Ihr, wie ich wirklich bin), kam ich auf folgenden Plan:

Ich wollte zunächst erst einmal bei seiner Oma vorbeischauen und ihr einen ganz kleinen Schreck einjagen, damit sie für ein paar Minuten weg liefe. Danach könnte ich ja so tun, als ob ich Oma sei und Rotkäppchen den Korb abgaunern. Es wäre bestimmt wieder nach Hause gegangen, überzeugt eine gute Tat getan zu haben, was ja auch gar nicht so falsch gewesen wäre. Und Oma wäre zurück gekommen, froh, dem Wolf entronnen zu sein. Und ich, ich hätte den Korb gehabt! (Freu!)

Bloß - die Dinge entwickelten sich überraschenderweise völlig anders als geplant. Ich rannte zu Omas Haus, stieß die Haustür auf, und - Oma war gar nicht da!

Schnell schmiss ich mich in Omas Bett. (Uff, gerade noch geschafft, denn da kam auch schon Rotkäppchen herein.)

Es fragte: “Wie geht es dir, Oma?”

“Ach, mir geht es gar nicht gut, mein Kind”, sagte ich. “Ich möchte nur im Bett liegen bleiben, denn ich habe eine fürchterliche und ansteckende Krankheit. Komm' mir bitte bloß nicht zu nahe. Stell den Korb einfach hin, Liebes, und lauf' gleich wieder nach Hause.”

War ich nicht brillant?! Das hätte doch eigentlich klappen müssen! Ich hätte mir am liebsten selbst Beifall geklatscht.

“Ja, Oma”, sagte Rotkäppchen und stellte den Korb hin. Aber genau in dem Moment erschien die Oma in der Tür, denn sie war nur mal kurz auf dem Klo gewesen. (So ein Scheiß!)

“Hallo, Rotkäppchen”, sagte Oma. - “Hallo, Oma”, sagte Rotkäppchen.

“Mist”, dachte ich. Und sagte: “Hier handelt es sich doch ganz bestimmt um ein Missverständnis! - Ich, hm, äh, ich bin's doch nur, äh... der, nein, die...”

Aber, da hatte Oma bereits ihren 45er hervorgezogen (Omas haben ja sowas bekanntlich immer griffbereit) und rief:
“Wer du auch bist, Hände hoch!” - Und noch bevor ich überhaupt reagieren konnte (so ist das halt bei putativer Notwehr), ging es schon: PENG! PENG! PENG!

“Das ist doch der große, böse Wolf!”,
das waren die letzten Worte, die ich Rotkäppchen gerade noch sagen hörte, und dann wurde es dunkel um mich...

Was für eine Ungerechtigkeit!

Auf meinem Weg nach Wallheula überlegte ich mir, ob die Oma denn wohl überhaupt einen Waffenschein besitze. Wenn nicht, dann würde sie jetzt aber ein mächtiges Problem bekommen und sich eine gute Geschichte ausdenken müssen. (Womöglich noch mit irgend einer anderen schießwütigen Figur, einem Jäger vielleicht, wer weiß?!)

Ob und wie sie diese Geschichte dann letztlich erzählt haben, werdet Ihr ja wohl besser wissen, als ich.

Jedenfalls werden dann wohl bestimmt auch noch die Reporter gekommen sein, und Rotkäppchen und Oma wurden auch bestimmt ganz berühmt. Und vielleicht -  das wäre allerdings der Gipfel - haben sie auch noch mit einem Exklusivvertrag mit der Yellow Press einen schnellen Euro gemacht. Z.B. mit einem Blatt, das in seinem Namen schon zum Ausdruck bringt, dass es auf Texte und deren Inhalt weniger Wert legt. 

Mein Image aber wurde von der grässlichen Großmutter ganz brutal zerstört, was ich ihr fast noch übler nehme als die Revolverschüsse.

Aber immerhin starb ich ja in der Hoffnung, dass niemand auf der ganzen Welt so dämlich sein könne, irgendeine erfundene Geschichte vom “bösen Wolf” zu glauben.

Aber, auch Wölfe können sich irren.

Sehr frei nach: “Rotkäppchen und der Wolf”
von diesen grimmigen Brüdern

  

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