rt-go: 2016-12-07

Die Weihnachtsgeschichte

neu erzählt von Ulla Grall
Landschreiberin

Josef stand mit verschränkten Armen vor seiner Werkstatt. Er wippte auf den Fußballen und wirkte insgesamt ziemlich genervt. Maria trat leise von hinten auf ihn zu.
"Josef, lieber Josef mein", säuselte sie.

"Hat sich was mit Josef mein", knurrte der Zimmermann barsch.

"Ich weiß", erwiderte Maria und schaute geknickt zu Boden.  "Ich nehme an, er war bei dir und hat es dir gesagt."

"Hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt", polterte der Alte. "Wenigstens fragen hätte man mich vorher können!"

Er stieß mit dem Fuß nach einem der herumliegenden Holzstücke.

"Nicht, dass ich mir einbilde, ich hätte da viel zu melden. Aber ich bin ein frommer Mann. Das wenigstens hätte der Herr mir zugutehalten sollen."

"Aber Josef", wandte Maria schüchtern ein, "mich hat Gabriel doch auch ganz schön überrumpelt." Sie zögerte und sprach dann weiter: "Bitte, sei nicht sauer. Es ist nun mal Gottes Sohn ..."

"Bah, Gottes Sohn!" Josef ließ sich nicht so schnell besänftigen. "Ich kann ja verstehen, dass er dazu eine Jungfrau braucht. Aber immerhin bin ich mit dieser Jungfrau verlobt. Und das Aufgebot war auch schon längst bestellt."

Finster sah er Maria an. Die schniefte, zog ein Taschentuch aus ihrem Gewandt und schnäuzte sich die Nase.

"Aber nein", Josef legte ihr begütigend die Hand auf die Schulter. "Flenn nicht. Ich lass dich nicht hängen. Wir heiraten wie geplant. Und wenn sich ganz Galiläa das Maul zerreißt darüber, dass dieser alte Zimmermann und seine junge Frau so schnell ein Kind kriegen ..."!

Maria lehnte sich an ihn und schaute ihn vertrauensvoll an.

"Du bist ein Guter", flüsterte sie.

Josef musste wider Willen etwas grinsen.

"Ja. Und sie werden mich auch den 'Heiligen Josef' nennen. Dabei", er wurde wieder ernst, "hab ich mit der ganzen Sache ja gar nichts zu tun."

"Du wirst dem kleinen Jesusknaben ein wunderbarer Papa sein", strahlte Maria und wischte sich die letzte Träne von der Wange.

"Ach, einen Namen hat er also auch schon!"

So ganz war Josef noch immer nicht zufrieden. Auch wenn der Engel ihm den Willen Gottes kundgetan, ihm lang und breit erklärt hatte, dass diese seine Verlobte die auserwählte Magd des Herrn und die Mutter von Gottes Sohn sei. Und dass der Herr auch ihn auserwählt hätte. Und dass er für Maria und das Kindlein gütig sorgen solle, bis sich die Zeit erfüllen würde und der Gottessohn unter den Menschen das Reich Gottes würde predigen und so weiter und so weiter.

Josef hatte sich das alles angehört. Und genickt. Einem Engel des Herrn widerspricht man nicht. Außerdem wäre es sowieso schon zu spät gewesen.

"Vor vollendete Tatsachen gestellt", murrte er nochmals.
Neun Monate später, Josef und Maria waren längst getraut, mussten die beiden die sattsam bekannte Reise nach Bethlehem antreten.

"Das hat mir noch gefehlt", hatte Josef gewettert. "Dass alle Welt geschätzet würde. Ja wo sind wir denn?!"

Zornig hatte er seine Siebensachen in den Reisesack gepackt und Maria auf den Esel geholfen. "Was geht mich dieser Augustus an? Kaiser in Rom. Es ist eine Zumutung. Nicht nur, dass meine Frau hochschwanger ist und Reisen in diesem Zustand reines Gift. Nein, ich muss ja auch die Werkstatt schließen. Weiß der Himmel, was mir da an Aufträgen durch die Lappen geht."

Maria saß mit lieblichem Lächeln auf dem geduldigen Grautier und nicht nur über ihrem Haupt, sondern auch über ihrem Bauch glänzten güldene Heiligenscheine.

"Josef", fragte sie mit sanfter Stimme, "Josef, hast Du eigentlich ein Zimmer gebucht?"

Die Flüche, die der alte Zimmermann von sich gab, können nur als unchristlich bezeichnet werden.

Natürlich war die Reise beschwerlich.

Natürlich war Maria erschöpft, als sie endlich in Bethlehem eintrafen. Und natürlich fanden sie keinen Raum in der Herberge.

"Josef, sorge dich nicht, der Herr wird eine Herberge für uns auftun."

"Ja, hat sich was. Derjenige an dem alles hängen bleibt, der immer den Ärger hat, das bin doch ich." Schließlich fand er doch einen kleinen, kuscheligen Stall. In dem stand nur ein Öchslein und malmte genüsslich sein Futter. Josef band den Esel neben dem Ochsen an und bemühte sich redlich mit ein paar Decken und seinem Mantel Maria ein halbwegs bequemes Lager zu bereiten. Da setzten auch schon die Wehen ein.

"Josef, sorge dich nicht, des Herren Engel werden mir beistehen", sagte Maria und begann zu pressen.

"Ich geh dann mal lieber raus", murmelte der alte Zimmermann.

Und als er aus dem niedrigen Stalle trat, sah er hoch über dem Dachfirst einen riesigen, geschweiften Stern stehen.

"Ach du lieber Gott!", rief Josef aus, da ertönte aus dem Stall auch schon das Geschrei des Neugeborenen. Und als er wieder in den engen Raum trat, da wimmelte es dort nur so von himmlischen Heerscharen.

"Hosianna!", riefen die und "Ehre sei Gott in der Höhe!" und was sonst noch alles. Josef hatte Mühe das ganze Engelspack zur Ruhe zu bringen.

Maria hatte das Kindlein in die Futterkrippe gelegt und kniete verzückt vor dem Säugling.

"Still, weil' s Kindlein schlafen will", scheuchte Josef die geflügelten Boten aus der provisorischen Unterkunft.

Doch kaum waren die Engel so einigermaßen gen Himmel aufgestiegen, kam ein ganzer Trupp Hirten von den Feldern und verlangte Zugang zum Stall. Dort warfen sich alle auf die Knie, um das Kindlein anzubeten. Josef konnte nur den Kopf schütteln.

"Dass man hier aber nie seine Ruhe hat", maulte er auch vierzehn Tage später. Da kam nämlich eine ganze Karawane gezogen, im Gefolge von drei Königen.

Oder Weisen?, sinnierte der Zimmermann. "So ganz hab' ich das nicht mitgekriegt, die scheinen aber ganz gut betucht zu sein." Jedenfalls brachten sie Gold, Weihrauch und Myrrhen, und das kann man ja immer mal brauchen.

Maria saß auf einem Heuballen, das Knäblein auf dem Schoß und das Kind, so klein es war, segnete huldvoll die Besucher.

"Ich fass es nicht", sagte Josef zu sich selbst. "Wenn das mal nicht noch mehr Ärger gibt, mit diesem himmlischen Bankert!"
 

© Ulla Grall, 12-2016

Die Geschichte darf zu nicht-kommerziellen Zwecken unter Angabe der Autorin geteilt und weitergegeben werden.

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