rt-go: 2016-09-13

Im Stau

Ein Kurz-Krimi von Ulla Grall
Landschreiberin
und willkommene Gast-Autorin auf meiner Website

Die Sonne brannte auf das Autodach. Schon seit Stunden.
Ebert schwitzte und wischte sich immer wieder die nassen Hände an seiner Jeans ab. Wo war Gernot eigentlich hin? Vor…, Ebert warf einen Blick auf die Uhr, vor anderthalb Stunden.

Scheiße, dachte er. Vor anderthalb Stunden war sein Kumpel mit einem gemurmelten “muss mal pissen” ausgestiegen und seitwärts in den Büschen verschwunden. So langsam dämmerte es Ebert: Das Dreckschwein hat sich abgesetzt.

“Dieses miese Dreckstück!” Ebert schlug mit der Faust auf das glühend heiße Lenkrad. Irgendwann musste der Stau sich doch auflösen. Er drehte am Radio. Pop, Klassik, schlechter Empfang. Sie waren so früh losgefahren. Eigentlich hätte nun längst alles erledigt sein sollen. Er hatte den alten Kombi vorsichtig rückwärts vor die Garageneinfahrt gesetzt und gemeinsam hatten sie das in Decken gehüllte Bündel übers Ladebord gehievt.

Das Arschloch war doch selbst schuld, dachte Ebert. Uns übers Ohr hauen zu wollen. Aber dass Gernot die Tasche mit den gebündelten Geldscheinen, sein Anteil, ein Drittel, einfach auf dem Rücksitz hatte stehen lassen…

“Der muss die Hosen verdammt voll gehabt haben”, knurrte Ebert. Jetzt hatte er drei Taschen. Drei identische Reisetaschen auf dem Rücksitz. Und ein Problem, ein großes Problem, wenn er nicht bald hier raus kam.

Ein Krankenwagen fuhr durch die Rettungsgasse. Kurz darauf folgte ein Polizeiwagen. Und noch einer. Jedes Mal, wenn er das Martinshorn hörte, lief es Ebert kalt über den Rücken. Und schon wieder ertönte das Tatü-Tata.

Einen Moment lang hatte er überlegt, den Wagen einfach stehen zu lassen. Zwei der Taschen zu nehmen, eine rechts, eine links, und über die Leitplanke zu steigen.
Wäre das zu auffällig gewesen? Hätte er ohne die Kohle verschwinden sollen, wie Gernot?

“Gernot, du miese Drecksau”, sagte Ebert laut. Er öffnete die Fenster und schloss sie gleich wieder. Es begann schon zu riechen. Oder bildete er sich das ein? Er tastete nach seinen Zigaretten. Keine mehr da. Hatte der Fahrer des LKW hinter ihm, der längst schon ausgestiegen war und im Netzunterhemd im Schatten vor seinem Führerhaus lungerte, etwas bemerkt? Etwas gerochen? Warum schaute er dauernd her? Warum zückte der Kerl jetzt sein Handy? Ebert ließ den Kopf auf die verkrampften Hände sinken.

Schweiß rann ihm die Wirbelsäule entlang. Gab es denn keinen Ausweg? War da schon wieder das Martinshorn? Er hob den Blick. Im Rückspiegel erkannte er erneut das blaue Blinken. Ganz langsam näherte sich das Polizeifahrzeug. Die Beamten sprachen offenbar mit den Wartenden in der langen Reihe der Fahrzeuge hinter ihm. Einer stieg aus, deutete, nickte, stieg wieder ein. Ebert beobachtete das Schauspiel mit wachsender Panik.

Warum hielten sie neben ihm? Er schlug die Hände vors Gesicht. Aus, dachte er, aus und vorbei. Und stieg aus. Die Knie gaben ihm nach.

Von den beiden jungen, erstaunten Verkehrspolizisten ließ Ebert sich willenlos festnehmen.

Als er im Fond des Wagens saß, die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt, und beobachtete, wie der entsetzte Menschenpulk sich um die geöffnete Heckklappe seines Wagens scharte, war er fast erleichtert.

 zurück  Index Kultur  

Alles gesehen - nix kapiert - alles von vorn gucke!

zur Homepage / Neustart:
rt-go-Homepage