rt-go: 2016-07-21

Ruhe sanft

Eine Kurzgeschichte von Rolf Tiemann
(1111 Wörter, 1 Toter, kein Krimi)

Irgendwann hatte Emil in einem Möbelhaus einen elektrisch verstellbaren Ruhesessel gesehen. Seit dem träumte er davon, sich auch mal so ein Teil anzuschaffen. Das Modell, das er sich ausgesucht hatte, trug die ungewohnte Bezeichnung "Ruhe sanft", kostete 500 Euro plus 50 für die Lieferung und noch mal 50 für die Montage. War also mit 600 Euro nicht unbedingt ein Schnäppchen, aber, so hoffte er jedenfalls, sein Geld wert.

Den Namen hätte er zwar eher auf einer Kranzschleife auf dem Friedhof vermutet, aber weil ihm der Sessel gefiel, störte ihn der seltsame Name nicht.

Als er in Rente ging, bekam er von seiner Firma ein schönes finanzielles Abschiedsgeschenk und suchte gleich mal das Möbelhaus auf. Der "Ruhe sanft" wurde immer noch angeboten. Also probierte er ihn zum x-ten Male aus und ging nach Hause, um die Sache noch ein letztes Mal zu überschlafen.

Am folgenden Tag ging er wieder zum Möbelhaus und bestellte den Sessel. Noch am gleichen Tag rief ihn der Lieferant an, um einen Liefertermin zu vereinbaren. Und Pünktlich erschien der Monteur, baute den Sessel zusammen, probierte ihn aus und erklärte Emil die Funktion der beiden Knöpfe am Bedienteil. Einer war dazu da, den Sessel in die Strecklage zu fahren, so dass Sitz, Rückenlehne und Fußteil in eine Waagrechte kamen. Und der andere diente natürlich dazu, das Ganze wieder in die Sitzposition zu bringen. Wobei man sich bei Bedarf auch noch beim Aufstehen helfen lassen konnte. Eine feine, durchdachte Sache. Nur ohne das Bedienteil ging natürlich gar nichts.

Für den Sessel, der ja gestreckt ganz schön Platz beanspruchte, hatte er zwischen einem Sideboard und der Balkontür gerade den passenden Platz gefunden, weil der bei geöffneter Balkontür eh nicht nutzbar war und diese Tür stand, wenn es nicht zu kalt war, eigentlich ständig offen.

Von nun an machte Emil fast täglich ein kleines Mittagsschläfchen. Und wenn er ausnahmsweise mal früh aufgestanden war, wozu er normal ja gar keinen Grund hatte, dann kam es vor, dass er das Mittagsschläfchen schon vormittags hielt und am Nachmittag gleich noch eins. Bei der regelmäßigen Benutzung des Sessels machte Emil natürlich seine Erfahrungen. Eine davon war, dass der Sessel zwar an der Seite eine "Zeitungstasche" hatte. Die war aber so tief, dass sie zur Aufbewahrung des Bedienteils ungeeignet war. Deshalb konnte man dieses nur zwischen Sitzfläche und Rückenteil ablegen, wo es aber keinen seitlichen Halt hatte, weil die Armlehne ja nicht länger als der Sitz war.

Eine andere Erfahrung war, dass man auf dem Sessel, weil er ja nur Körperbreite hatte, nur auf dem Rücken liegen konnte. Einmal hatte sich Emil offenbar nicht richtig gesetzt, bevor er in die Waagrechte fuhr. Nun wollte er die Position auf die Schnelle korrigieren, indem er die Beine anzog und plötzlich wieder streckte. Beim Anziehen der Beine hat er aber so viel Gewicht auf das Rückenteil verlagert, dass der Sessel fast rückwärts umgekippt wäre. Emil erschrak deshalb und merkte sich für die Zukunft, dass der Sessel nicht kippsicher war. Davon abgesehen war Emil mit seiner Anschaffung aber sehr zufrieden und nutzte sie so oft wie möglich.

Einmal, Mitte Mai, war es schon richtig sommerlich heiß. Weil Emil sowieso ein Frischluftfan war, hatte er vorne am Haus die Balkontür geöffnet und mit einem Türstopper gesichert und hinten am Haus das Schlafzimmerfenster weit geöffnet und ebenfalls gesichert. So konnte die Luft schön durch die ganze Wohnung wehen.

Emil genoss sein Mittagsschläfchen und wie die frische Luft direkt an ihm vorbei strömte. Als er wieder wach wurde, griff er nach dem Bedienteil und stellte mit wenig Begeisterung fest, dass es sehr nah am Rand lag. Also fasste er besonders vorsichtig zu, erwischte es aber deshalb nicht richtig und schob es dadurch nur noch näher an den Rand. Deshalb bemühte er sich, noch vorsichtiger danach zu greifen, schob es dabei aber nur noch ein kleines Stückchen weiter. Also versuchte er, sich ganz darauf zu konzentrieren und bekam so, quasi in Zeitlupe mit, wie das Teil beim dritten Versuch endgültig den Abgang machte.

Emil war entsetzt. Aber das half auch nichts. Er musste irgendwie auf dem waagrechten Sessel ans Fußende kommen, damit er dort absteigen könne. Allzu heftige Bewegungen wollte er natürlich nicht riskieren. Die hätten den Sessel vielleicht umkippen lassen. Und dann wäre er kopfunter zwischen Sessel und Wand eingeklemmt gewesen. Falls sein altersschwaches Genick überhaupt noch stark genug gewesen wäre das ganze Körpergewicht zu tragen, hätte es ihm doch zweifellos die Luft abgeschnürt. Und seitlich wäre auch kein Entkommen möglich gewesen. Eine Vorstellung, die nicht gerade zu seiner Beruhigung bei trug. Also versuchte er sich durch schlängelnde Bewegungen langsam in Richtung Fußende zu schieben. Das gelang ihm aber, wie er selbst fest stellen musste, erschreckend schlecht und regte ihn mehr und mehr auf. Als er nach etwa einer Stunde zwar fast total erschöpft, aber immer noch nicht wesentlich weiter gekommen war, geriet er in Panik. Anstatt sich einfach mal eine längere Pause zu gönnen, um wieder zu Kräften zu kommen, versuchte er es immer schneller und erfolgloser, bis sein Herz einfach nicht mehr mit machte.

Das war's.

Im Tod entspannten sich seine Gesichtszüge und er sah fast glücklich aus. Aber er war nicht glücklich, sondern einfach nur tot. Und das blieb er natürlich auch. Im Mai, im Juni, im Juli, im August und im September.

Weil er sich die Belästigung durch Werbung und Zeitschriften etc. verbeten hatte und auch nur selten Post bekam, lief der Briefkasten nicht über. Dem Postboten war zwar auf gefallen, dass der Kasten wohl nicht ganz leer war, weil die Post nicht völlig frei hinein fiel. Aber das war ja noch kein Grund zur Beunruhigung. Die wenigen Leute, die ihn telefonisch erreichen wollten, vermuteten wohl, dass er Urlaub mache. Es soll ja Rentner geben, die dauernd auf Kreuzfahrt sind. Bewegung kam erst in die Sache, als ein Schulfreund zum Klassentreffen eingeladen hatte. Emil war immer einer der Ersten, der seine Teilnahme verkündete. Als er das diesmal nicht tat, rief der Schulfreund beim Hausbesitzer an. Der hatte für alle Fälle einen Schlüssel und sollte nun mal nachsehen. Das tat er dann auch.

Als er sah, dass die Balkontür auf der Vorderseite sichtbar offen stand und ebenso das Schlafzimmerfenster auf der Rückseite, war er sicher, dass Emil da sein musste. Deshalb klingelte, klopfte und rief er erst mal ganz lange. Als sich dann aber trotzdem nichts tat, schloss er auf und ging langsam in und durch die Wohnung. Dank der guten Lüftung störten keinerlei unangenehmen Gerüche. Und weil der ganze Sommer mit Temperaturen zwischen 20 und 40 Grad sehr warm und extrem trocken war, lag Emil fast als Mumie auf seinem Sessel, der sowohl seinen Namen als auch sein Geld verdient hatte. Denn Emil hatte hier gut vier Monate sanft geruht.

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