rt-go: 2016-09-11

Der talentierte Mister Smith

(mit dem ebenfalls "talentierten Mister Ripley"
nicht verwandt und nicht verschwägert)

Eine Kurzgeschichte von Rolf Tiemann

Mister Smith hieß natürlich nicht Smith. Den “originellen” Namen hatte er sich zugelegt, weil er damit weniger auf fiel. Außerdem hatte man ihm günstig einen gefälschten Pass mit diesem Namen angeboten. Das allein wäre noch kein Grund gewesen. Aber das Bild in dem Pass sah aus, als wäre es nur eins, zwei Jahre zuvor von ihm gemacht worden und die übrigen Daten passten auch. Außerdem hatte er unter seinem eigenen Namen schon ein paar kleinere Delikte begangen, auf die er nicht unbedingt stolz war. Deshalb kaufte er den Pass und hatte nie Probleme damit. Und wenn ihn jemand danach fragte, spulte er die Daten ab, als hätte es nie andere gegeben.

Er hielt sich sommers wie winters an der Côte d'Azur auf und bewohnte dort je nach Lage der Dinge wechselnde Hotels. Früher, als er noch agiler und mobiler war, hat er jeweils die Saison in den verschiedenen Touristengebieten "abgegrast". Aber das hat er dann aufgegeben, weil der Ertrag in keinem Verhältnis zum Aufwand stand.

Mister Smith war ein Krimineller, das kann man gar nicht bestreiten. Aber einer von ganz eigener Art.

'Hochstapler' hätte es nicht getroffen, denn wenn es um seine Person ging, gab er sich immer sehr bescheiden, vermied gerne zu detaillierte Auskünfte und Übertreibungen sowieso. Er blieb lieber unauffällig.

'Betrüger' traf die Sache schon eher, denn irgendwie musste er die Hotelrechnungen ja bezahlen. Und weil er kein Geld hatte, konnte es nur von den Damen kommen, die er aus nahm.

'Dieb' wäre auch nicht verkehrt. Aber mit Diebstählen hielt er sich zurück, weil die natürlich unangenehme Folgen hatten: hinterher musste er auf jeden Fall das Hotel und den Ort wechseln und lief natürlich auch Gefahr erwischt zu werden.

Deshalb sagte er sich: nur wenn der augenblickliche Ort eh nichts bringt und eine wirklich große Beute lacht, sonst lieber nicht.

Sein Tag begann damit, dass er sich heraus putzte. Eine äußerst gepflegte Erscheinung war selbstverständlich. Dann begab er sich zum Frühstück und "inspizierte" die übrigen Gäste. Dabei interessierten ihn nur die einzelnen Damen und von denen auch nur die älteren.

Die jüngeren interessierten ihn deshalb nicht, weil da sehr oft am Wochenende ein vielbeschäftigter Ehemann vorbei kam. Einer musste das Geld ja verdienen, das die Damen so gern ausgaben. Außerdem war bei den jüngeren Damen, wenn sie sich sehr langweilten, im äußersten Fall mal eine vergnügte Nacht zu gewinnen. Also unterm Strich ein Verlustgeschäft.

Die Älteren dagegen waren meist alleinstehend und selbst vermögend. Da war schon eher was zu holen und in der Regel waren sie auch recht zugänglich. Da konnte er mit viel Geduld und ganz behutsam zu Werk gehen. Das war seine Art, die ihm den Erfolg brachte. Dabei schaffte er es immer wieder den Damen etwas Geld für eine “gute Sache” ab zu schwätzen. Er war aber nie gierig und nie zu fordernd, sondern verzichtete lieber mal, als den Bogen zu überspannen.

Denn, das wusste er aus seiner Anfangszeit, das konnte fatale Folgen haben. Wenn er bei den Damen erst mal unten durch war, blieb nur noch der Hotel- und Orts-Wechsel. Und wenn vorher auch noch die Hotelrechnung zu zahlen war, konnte es schon mal eng werden. Aber die Rechnung “prellen” ging natürlich auch nicht, weil er dann das Hotel auf viele Jahre hinaus nicht mehr besuchen könnte und vielleicht auch bei anderen auf einer “schwarzen Liste” verzeichnet wäre.

Er nahm die Damen immer so behutsam aus, dass sie sich nie ausgenommen fühlten. Deshalb hatte Mr. Smith auch nie Probleme mit seiner Art der Einkommensbeschaffung. Er war nett zu den Damen und sie waren nett zu ihm, taten gelegentlich ein “gutes Werk” und freuten sich darüber. Und er musste nicht mehr tun, als sie in ihrer guten Meinung über sich selbst zu bestärken.

Mr. Smith verbrachte viele schöne Jahre an der Côte d'Azur und ließ es sich richtig gut gehen. Von ihm aus hätte es gerne so weiter gehen können. Aber dann kam ein eiskaltes, total verregnetes und stürmisches Frühjahr und überall blieben die Gäste aus. Die Damen, die Mr. Smith schon ausgenommen hatte, reisten irgendwann ab und neue Gäste kamen nicht. Nach seinen Informationen, die er eingeholt hatte, sah es an der ganzen Küste gleich aus. Einige Hotels machten sogar “Urlaub”, d.h. weil gar keine Gäste da waren, schlossen sie vorübergehend. So eine beinharte “Saure-Gurken-Zeit” hatte Mr. Smith noch nicht erlebt. Er überlegte schon, ob er mal für einige Zeit ins Hinterland ziehen sollte, um sich die Kosten fürs Hotel zu sparen und von seinen bescheidenen Rücklagen zu leben.

Hätte er das mal gemacht, dann wäre ihm sicher einiges erspart geblieben.

Aber genau zu dem Zeitpunkt kam wieder Leben ins Hotel, weil eine ganze Reisegruppe Quartier bezog. Eigentlich hätte der erfahrene Mr. Smith schon bei der ersten Gelegenheit sehen müssen, dass da für ihn nichts zu holen war, weil die ganze Reisegruppe aus Paaren im mittleren Alter bestand. Nicht eine ältere Dame und keine alleinstehende.

Warum er nicht sofort ausgecheckt hat und ins Hinterland gefahren ist, wusste er selbst nicht. Irgend etwas hielt ihn zurück. Vielleicht wirkte das triste Wetter so lähmend auf ihn.

Die Reisegruppe wähnte sich irrtümlich allein im Hotel, bewegte sich entsprechend freizügig und hielt es für überflüssig, die Türen ab zu schließen. Das bemerkte auch Mr. Smith und nutzte, als die Gruppe beim Essen war, die Gelegenheit, mal einige Zimmer zu durchsuchen. Dabei fand er auch etwas Schmuck, den er normalerweise nicht mal beachtet hätte. Nun steckte er ihn aber ein. Und genau in dem Augenblick kam jemand von der Gruppe hoch, weil er etwas vergessen hatte und überraschte Mr. Smith. –
Shit happens!

Die Polizei nahm ihn natürlich gleich mit.

Weil Mr. Smith nicht vorbestraft war und das bisschen Diebesgut nicht viel wert war, fiel auch die Anklage und die Strafe entsprechend gering aus. Weil er aber die Strafe nicht bezahlen konnte oder wollte, musste er sie absitzen.

So kam Mr. Smith auch ohne Reise ins Hinterland zu einer kostenlosen Bleibe mit einer zwar nicht gerade luxuriösen, aber doch ausreichenden Verpflegung. Und als er wieder raus gelassen wurde, war die Schlechtwetter-Periode vorbei.

Nun musste er sich natürlich ein Hotel in einem etwas weiter entfernten Ort suchen. Ob er aus dem Dilemma etwas gelernt hatte, bzw. welche Schlussfolgerungen er daraus für die nächste Schlechtwetter-Periode gezogen hatte, muss die Zukunft zeigen. 

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