rt-go: 2016-02-14

Kein Sachschaden

Ein Kurz-Krimi von Rolf Tiemann
(816 Wörter, 1 Tote)

Früher, in den Fünfziger Jahren war es ganz normal, dass ein kleines Haus nur einen Stromkreis und eine Schmelzsicherung mit z.B. 6 Ampère hatte. Wenn dann das Licht brannte, das Radio lief und das Bügeleisen eingeschaltet wurde, brannte die Sicherung durch und nichts ging mehr. Die Schmelzsicherung wurde dann zwar irgendwann durch einen Automaten ersetzt, den man nur wieder einschalten musste, aber als dann nach und nach immer mehr Geräte hinzu kamen, wurde das trotzdem ein unhaltbarer Zustand.

Er war aber nun mal ein begeisterter Fan von allem, was elektrisch funktionierte und wollte natürlich immer mehr elektrische Geräte. Deshalb beschäftigte er sich intensiv mit der Thematik und lies schließlich die ganze Hausinstallation gründlich und auf's Modernste renovieren. Dazu gehörte dann selbstverständlich auch ein Fehlerstrom-Schutzschalter, obwohl der damals noch gar nicht vorgeschrieben war. Und weil ihm das noch nicht genügte, lies er im Bad zusätzlich auch noch einen Trenntrafo installieren. Der stellte sicher, dass die im Bad benutzten Geräte elektrisch vom Netz getrennt waren und nicht einmal einen harmlosen Fehlerstrom produzieren konnten. Das war zwar nicht ganz billig, aber seine Sicherheit war ihm das wert.

Sie interessierte sich nicht für den technischen Kram und überlies ihm diesen Bereich. Sie war der Meinung, dass alles einfach so funktionieren müsse, wie sie sich das mit ihrem sehr bescheidenen technischen Verständnis vor stellte. Und wenn es das nicht tat, war selbstverständlich er schuld.

Er beeilte sich dann, das Problem zu lösen und verkniff sich jeden Kommentar, um die Stimmung nicht unnötig an zu heizen. – Sicher ein Fehler, wie er später manchmal dachte.

Im Laufe der Jahre verstärkte sich das Problem. Ihr Meckern nahm stetig zu und erstreckte sich dann auch auf Dinge, die nichts mit Technik zu tun hatten. Egal was es war, er war schuld.

Im Grunde war ihr gar nichts mehr recht und was sie am meisten nervte, war natürlich ihr Mann, der ja an allem schuld war.

Wenn sie sich vorstellte, dass sie den alten Sack vielleicht einmal pflegen müsste, packte sie die Wut. Sie musste den Kerl einfach los werden. Sie wusste nur noch nicht wie.

Da passierte in der Nachbarschaft ein Unfall. Ein Fön war in die Badewanne gefallen und die Person in der Wanne zu Tode gekommen. So stand es jedenfalls in der Zeitung.

Das war die Lösung. Was in der Nachbarschaft möglich war, musste auch bei ihr möglich sein. Sie wartete deshalb nur noch darauf, dass er ein Wannenbad nahm.

Weil er meistens duschte, musste sie sich gedulden. Aber dann war es endlich so weit. Er streute Fichtennadelsalz in die Wanne und lies das Wasser ein. Sie wartete ungeduldig vor der Tür. Als sie ihn endlich plätschern hörte, ging sie hinein, schaltete den Fön ein und warf ihn in die Wanne.

Er war natürlich überrascht, als er sah wie der Fön zischend und blubbernd im Badewasser versank. Aber dann machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit. Und lachend sagte er: “So wirst du mich nicht los, da musst du mich schon mit der Bratpfanne erschlagen.” Sie rannte darauf wütend aus dem Bad.

Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, dachte sie über seinen “Vorschlag” nach. – Das war natürlich auch eine Möglichkeit. – Und je mehr sie darüber nach dachte, desto besser gefiel ihr die Idee. An mögliche Konsequenzen verschwendete sie dabei gar keinen Gedanken.

Er badete in aller Ruhe zu Ende, zog sich dann an und machte es sich gemütlich. Der missglückte Mordversuch kümmerte ihn nicht weiter, denn nach diesem Fiasko war er sich absolut sicher, dass sie es nun nicht noch einmal versuchen würde.

Als er am nächsten Morgen in die Küche kam, ergriff sie hinter seinem Rücken die schwere Gusspfanne, die sie kaum heben konnte, holte ganz weit aus und wollte sie ihm mit aller Kraft zu der sie fähig war auf den Kopf hauen.

Genau in dem Moment fiel ihm der Salzstreuer aus der Hand und rollte weg. Er bückte sich und eilte ihm hinterher, um ihn zu stoppen, bevor er unter dem Küchenschrank verschwinden konnte. Was hinter ihm geschah, bekam er gar nicht mit.

Die schwere Pfanne schwirrte durch die Luft, fand weder Ziel noch Halt und donnerte mit lautem Knall auf den Boden. Sie hielt den Griff immer noch fest umklammert, stürzte deshalb kopfüber hinterher und schlug mit der Stirn so heftig auf den Pfannenrand, dass ihr Schädel wie eine reife Melone auf platzte.

Als er sich erschrocken um drehte, hörte er nur noch ein letztes leises Röcheln. Und dann sah er verwundert, was sie an – oder besser – hin gerichtet hatte.

Die Polizei untersuchte selbstverständlich den Todesfall. Aber auf der Pfanne, die er noch nie angefasst hatte, fanden sie natürlich nur ihre Fingerabdrücke. Und ihre Lage auf der Pfanne, machte zweifelsfrei klar, dass er an ihrem Tod nicht aktiv beteiligt war.

Der Fön musste übrigens nur getrocknet werden, damit er wieder einwandfrei funktionierte und bei der Pfanne genügte auch eine gründliche Reinigung.

Von Sachschaden kann daher keine Rede sein.

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