rt-go: 2016-07-09

Jagdopfer

Eine Kurzgeschichte von Rolf Tiemann
(715 Wörter, viele tote Tiere, kein Krimi)

Jakob war ein begeisterter Jäger. So lange er sich erinnern konnte war er Jäger. Er konnte sich gar nicht erinnern, dass er einmal kein Jäger war. Natürlich wusste er, dass er auch mal Kind gewesen sein musste. Aber weil er damals ja noch kein Jäger sein konnte, hatte er seine Kindheit einfach vergessen. Ihn interessierte halt nichts als die Jägerei.

Jakob war ein guter Jäger. Bei ihm gab es kein angeschossenes Wild, das irgendwo jämmerlich verenden musste. Seine Beute starb stets in Sekundenschnelle, genau dort wo er sie gestellt hatte. Gewöhnlich auf der Lichtung in seinem Wald.

Im Laufe der Jahre hatten seine Augen erheblich nach gelassen. Inzwischen war er fast 80 und seine Brillengläser hätte man als Glasbausteine verwenden können. Das verblüffende war aber, dass er zwar nicht mehr erkennen konnte, was er da vor der Flinte hatte. Aber wenn er schoss, fiel es auf der Stelle tot um. Auf diese Weise hatte er auch schon so manchen Hund eingebüßt. Sein Knecht und Jagdgehilfe Hugo, der auch schon 60 war, hatte deshalb schon versucht ihn von der Jägerei ab zu bringen, hatte aber nicht die geringste Chance. Auch als Jakob vor kurzem ein entlaufenes Pferd zur Strecke brachte, hat das nichts geändert. Er hat dem Besitzer zwar sein Bedauern ausgesprochen, als der den Kadaver abholte. Aber das war alles. Er konnte ja nichts dafür, dass sich der Gaul in seinem privaten Wald herum trieb, wo er nichts zu suchen hatte. Hinweisschilder und Warntafeln standen genug.

Im Nachbarort hatte ein kleiner Zirkus Station gemacht, der seine Blütezeit schon so lange hinter sich hatte, dass sich niemand mehr daran erinnern konnte. Er spielte vor allem für Kinder und hatte genau eine große Attraktion, ein Kamel, das allerlei Kunststücke beherrschte und bei den Kindern immer viel Begeisterung auslöste. Das Tier kannte genau seine Spielzeiten am frühen Abend. Deshalb wurde es morgens frei gelassen, damit es sich sein Futter selbst suchen konnte. Am Nachmittag war es dann satt und zeitig zurück. – Normalerweise. – Aber eines Tages kam es leider nicht zurück.

Der Zirkusdirektor informierte die Polizei, dass ein Kamel entlaufen sei und bat um Suchhilfe. Einer der Polizisten erinnerte sich daran, dass da schon mal ein Pferd erschossen worden war und fragte mal bei Hugo nach, ob der alte Jakob vielleicht wieder Jagdglück gehabt habe. – Er hatte. – Niemand konnte sich erklären wie das Kamel in Jakobs Jagdrevier gekommen war. Aber es war. Und Jakob hatte ihm zu einem schmerzfreien Tod verholfen.

Als Hugo die Einzelheiten über den Zirkus und das Kamel erfuhr, war er fest entschlossen, etwas für die armen Zirkusleute zu tun.

Er hatte sich schon lange gewundert, dass in Jakobs Jagdrevier ein Esel existieren und unbeschadet überleben konnte, obwohl er völlig frei umher lief. Im Laufe der Zeit war Hugo hinter sein Geheimnis gekommen. Der Esel hielt sich stets hinter Jakob auf. So dass der ihn nie vor die Flinte bekommen konnte.

Weil das Tier nirgends gebraucht wurde, konnte Hugo mit etwas Mühe Jakob überreden, den Zirkusleuten den Esel zu überlassen und brachte ihn zum Zirkus in den Nachbarort. Den Leuten erzählte er, dass das Kamel leider keine Chance hatte, aber der Esel schon lange überlebt habe, weil er der Flinte immer aus dem Weg gegangen sei. Das war natürlich nur ein schwacher Trost. Aber weil Zirkusleute sowieso immer improvisieren müssen und erfinderisch sind, haben sie den Esel selbstverständlich in eine Nummer mit dem Clown eingebaut. Die war zunächst nicht sehr erfolgreich. Aber als der Clown eine große Brille auf setzte, klappte es plötzlich. Eine große Brille gehörte offenbar zum 'Feindbild' des Esels genau so dazu wie die Flinte.

Wenn der Clown mit einer riesigen Muskete in die Manege kam, effektvoll mit einem Zündplättchen-Revolver herum knallte und sagte, dass er den Esel erschießen wolle, hatte er die volle Aufmerksamkeit der Kinder. Und wenn der Esel sich stets hinter dem Clown bewegte, quietschten die Kinder vor Begeisterung. Aber das war noch längst nicht alles. Im Laufe der Zeit lernte der Esel zahlreiche Tricks dazu und entwickelte sich zu einer größeren Attraktion als es das Kamel je war. Das sprach sich natürlich herum. Wenn der Zirkus irgendwo gastierte, kamen die Leute von nah und fern, um sich mit ihren Kindern die Tricks des schlauen Esels anzusehen. Und der kleine Zirkus erlebte endlich mal wieder so etwas wie eine Blütezeit.

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