rt-go: 2014-01-31

Die homöopathische Jagd

Eine Kurzgeschichte von Rolf Tiemann
(432 Wörter, 0 Tote, kein Krimi)

Hubert ist ein sehr naturverbundener Mann. Man könnte sagen, von Natur aus ein Grüner. Von Haus aus ist er allerdings ein Jäger. Das ist Generationen alte Tradition in seiner Familie und deshalb gar nicht anders denkbar. Es schließt sich ja offensichtlich auch nicht gegenseitig aus.

Weil auch ihn gelegentlich einmal ein Zipperlein oder Wehwehchen plagte, suchte er in solchen Fällen seinen Homöopathen auf. Der rechnete die Beratungszeit privat ab und nahm sich deshalb sehr gerne die Zeit, seine Patienten ausführlich und umfassend über die Grundlagen seiner Heilkunst zu informieren.

So erfuhr Hubert bei einem seiner Besuche unter anderem, dass man die Wirkung eines Stoffes allein schon dadurch potenzieren kann, dass man ihn, allerdings genau nach dem festgelegten Ritual, tausendfach verdünnt. Eine umwerfende Erkenntnis, die Hubert nicht mehr aus dem Kopf gehen sollte. Er musste zwar nicht ständig daran denken, aber bei jeder Gelegenheit kam sie ihm wieder ins Bewusstsein.

Eines Tages, als er gerade dabei war, seine Sachen zu packen, um wieder hinaus zu gehen und das Wild zu beobachten, fiel sein Blick auch auf die Schrotmunition. Dort las er: “Inhalt 100 Kugeln” und schon erschien vor seinem geistigen Auge wie in Leuchtschrift eine Zahl. Aber nicht etwa die 100 sondern die “magische” 1000! Und seinem Mund entrannen undeutlich die Worte: “1000-fach potenziert”.

Was folgte ist klar: Wie in Trance begann er die Munition zu “potenzieren”. Zuerst holte er sich eine passende Schale. Dann öffnete er zehn Patronen und goss die Kugeln hinein. Nachdem er die Schale so ausgiebig geschwenkt und geschüttelt hatte, dass sich garantiert alle Kugeln begegnet sein mussten und sich später an alle anderen erinnern konnten, nahm er eine heraus. Die musste jetzt potenziert sein. Er füllte sie in eine der Patronenhülsen, verschloss diese ordnungsgemäß und begutachtete sein Werk.

Weil ihm das Ergebnis gefiel, wiederholte er den Vorgang noch neun mal und packte dann die Patronen in seine Jagdtasche. Nun konnte er zur ersten homöopathischen Jagd aufbrechen. Mit seinen potenzierten Patronen war er für alle Fälle gerüstet. Weil seine Kugeln sich ja an alle 1000 erinnern konnten, würde jede von ihnen nicht nur einen Hasen erlegen können, sondern ohne jeden Zweifel auch den stärksten Keiler von den Beinen reißen.

Es kam dann allerdings doch etwas anders.

Weil Hubert ja so ein schrecklich tierlieber Mensch ist, saß er nur stundenlang auf seinem Hochsitz, beobachtete mit seinem Fernglas die Tiere, erfreute sich an ihrem Anblick und feuerte nicht einen einzigen Schuss ab.

So kommt es, dass man bis heute noch nicht zuverlässig sagen kann, ob der homöopathischen Jagd vielleicht schon in ganz naher Zukunft eine ganz große Zukunft bevor stehen könnte.

 zurück  Index Kultur

Alles gesehen - nix kapiert - alles von vorn gucke!

zur Homepage / Neustart:
rt-go-Homepage