rt-go: 2016-09-10

Gier

Ein Kurz-Krimi von Rolf Tiemann
(723 Wörter, 2 Tote)

Ilona war eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau im Import-Export-Handel mit Kunstwerken und anderen, exklusiven und hochpreisigen Waren. Sie hatte von Hause aus schon immer Geld und war daran gewöhnt, mit größeren Beträgen um zu gehen.

Gregor stammte aus bescheideneren Verhältnissen und betrieb einen Automobilhandel. Der hatte allerdings gerade eine ganz große Flaute.

Warum die beiden vor fünf Jahren geheiratet hatten, wusste eigentlich niemand mehr so recht. Nun lebten sie halt nebeneinander her und gingen ihrem Job nach. Sie mit sehr viel Erfolg und er, jedenfalls derzeit, ganz ohne. Wenn er sah, welche Mengen von Geld sie gelegentlich auch zu Hause aufbewahrte, wuchs in ihm der Neid, die Gier und die Versuchung es an sich zu bringen.

Einmal erzählte Ilona, dass sie vielleicht schon bald das ganz große Geschäft machen würde. Dafür müsse sie zwar eine Million in bar beschaffen. Aber das sei ja gar kein Problem. Und beim Verkauf der Ware würde sie garantiert zwischen zwei und drei Millionen erzielen. Das machte ihn hellhörig. Denn Bargeld hieß, dass sie das Geld zu Hause bereithalten würde.

Für Gregor bedeutete das, Vorbereitungen zu treffen, denn diese Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen. Als Erstes bestieg er im Hafen das Schlauchboot, mit dem er zu ihrer hochseetüchtigen Motoryacht hinaus fuhr, die weit draußen vor Anker lag. Dort kontrollierte er, ob alle Akkus geladen waren, alle Geräte richtig funktionierten und mehr als genügend Sprit vorhanden war. Kleidung und Verpflegung waren sowieso immer ausreichend an Bord. Als er sicher war, dass alles bestens war, fuhr er mit dem Schlauchboot zurück.

Jetzt musste er nur noch darauf warten, dass Ilona das Geld beschaffte. Das geschah dann wenige Tage später. Als sie sagte, hast du schon mal eine Million in bar gesehen und ihm den Koffer voller Geld zeigte, war das für ihn das Signal.

Er griff sich den eisernen Schürhaken vom Kaminbesteck und erschlug sie eiskalt mit einem einzigen Schlag. Dann wischte er den Griff ab und lies den Schürhaken einfach liegen. Danach ging er auf die Terrasse, ergriff einen großen Stein und schlug damit die kleine seitliche Glastür ein, um einen Einbruch vor zu täuschen. Schließlich packte er den Koffer mit dem Geld und fuhr in den Hafen.

Er wollte mit der Yacht zunächst in eine Hafenstadt im Ausland fahren und von dort vielleicht mit dem Flugzeug nach Südamerika. So dachte er, seine Spur am besten zu verwischen. Von dort wollte er später vielleicht weiter nach Australien, war sich aber noch nicht sicher. Eventuell wollte er auch einfach erst mal ein paar Monate mit der Yacht umher fahren und die Entwicklung zu Hause abwarten. Da hatte er sich noch nicht fest gelegt und wollte flexibel bleiben.

Sein Auto parkte er etwas abseits, da wo er es immer abstellte wenn sie länger mit der Yacht weg waren. Dort störte es nicht und fiel überhaupt nicht auf. Dann bestieg er das Schlauchboot und fuhr los. Beim Losfahren hörte er ein unschönes Geräusch, als ob etwas am Boot entlang schrappen würde, konnte es aber nicht zuordnen und hatte jetzt auch nicht die Muße nach der Ursache zu suchen.

Etwa auf halbem Weg zu ihrer Yacht, setzte der Außenborder aus. Als er nach sah, stellte er fest, dass der Tank leer war. Den hatte er nicht kontrolliert. Also machte er die Ruder los und begann zu rudern. Den Rest, so dachte er, schaffe er doch leicht. Der erwies sich dann aber als länger und auch viel anstrengender als gedacht. Und dann musste er auch noch fest stellen, dass das Boot Luft verlor. Weil er das Leck weder finden noch schließen konnte, bemühte er sich krampfhaft, die Yacht zu erreichen, bevor das Schlauchboot versank. Aber so sehr er sich auch in die Riemen legte, er konnte es nicht schaffen. Das Boot wurde immer schlaffer, der Außenborder sank immer tiefer und dann füllte sich das Boot mit Wasser.

Als es am Versinken war, ergriff er den Geldkoffer und versuchte zu schwimmen. Mit dem Koffer hatte er natürlich keine Chance. Er kämpfte sich zwar immer wieder nach oben, um Luft zu holen, sank dann aber wieder nach unten. Ohne den Koffer hätte er vielleicht eine Chance gehabt, die Yacht schwimmend zu erreichen. Aber mit dem Koffer natürlich nicht.

Als ihm das endlich klar wurde, war es bereits viel zu spät. Denn da war er schon so sehr entkräftet, dass er direkt neben dem Koffer versank.

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