rt-go: 2016-06-01

Ein fast perfekter Mord

Ein Kurz-Krimi von Rolf Tiemann
(1028 Wörter, 1 Tote)

Harald hatte seine Frau schon lange satt. So satt, dass er sie definitiv umbringen wollte. Aber von der Absicht zur Tat führt oft ein langer Weg. Dass er sie nicht einfach umbringen und dann direkt in den Knast gehen wollte, versteht sich von selbst. Auch er wollte statt dessen lieber den “perfekten Mord” begehen und den Rest seines Lebens in Freiheit genießen. Deshalb musste er absolut sicher gehen und sein Plan enthielt verschiedene Variablen die auch einige Zeit unbestimmt blieben. Bis er eines Tages an einer Baustelle im Vorübergehen einen unbenutzten extragroßen Kabelbinder fand. Da platzte der Knoten. Damit hatte er endlich das richtige Instrument gefunden, mit dem er seine Frau umbringen konnte, ohne unerwünschte Spuren zu hinterlassen. Und, weil ihm das eine Exemplar genügte, musste er noch nicht einmal einen verdächtigen Einkauf tätigen. Ansonsten brauchte er nur noch ein paar ganz normale Kabelbinder, wie sie eh jeder zu Hause greifbar hat. Den Rest der Tat hatte er sich schon lange zurecht gelegt. Jetzt passte endlich alles zusammen. Also schritt er zur Tat.

Am übernächsten Tag las er am späten Nachmittag in der Nähe eine Prostituierte auf und besuchte mit ihr ein Hotel um die Ecke, das er gut kannte. Dort ließ er sie, damit sie keinen Verdacht schöpfte, ihren Job machen. Dabei spielte er den Fetischisten und kaufte ihr für 20 Euro extra auch noch ihren Slip ab. Als sie gegangen war verließ auch er das Hotel. Dabei fuhr er mit dem Lift direkt bis in die Tiefgarage, wo es keine Überwachungskamera gab. So konnte er ungesehen aus dem Hotel gelangen und zu Fuß durch ein Gartengelände rasch zum Hintereingang seines Hauses gehen.

Zuhause lockte er seine Frau ins Schlafzimmer, streifte ihr plötzlich die Kabelbinderschlinge über den Kopf und zog sie kraftvoll zu. Bevor sie richtig merkte, was da geschah, lag sie schon tot auf dem Bett.

Dann zog er sie komplett aus und fixierte ihre Hände mit zwei weiteren Kabelbindern an den Bettpfosten. Danach spreizte er ihre Beine und fixierte auch ihre Füße an den Bettpfosten. So sah es nach einem Unfall beim Sex mit Fesseln und Würgen aus.

Damit daran, dass sie Sex hatte, gar kein Zweifel aufkommen konnte, schob er ihr ihren Lieblings-Dildo rein, den er so oft benutzen musste, weil er es ihr ja nie richtig besorgen konnte und sie immer endlos lange brauchte bis sie endlich kam. Jetzt bearbeitete er sie damit so intensiv, dass sie zu Lebzeiten sicher ihren Spaß und einen schönen Orgasmus gehabt hätte. Nun hatte sie natürlich nichts mehr davon. Den Dildo ließ er einfach stecken.

Nachdem er sein Werk betrachtet und für gut befunden hatte, beseitigte er noch seine Fingerabdrücke an den kritischen Stellen und sorgte mit dem Slip der Prostituierten dafür, dass fremde DNA-Spuren zu finden waren.

Danach verließ er das Haus wieder durch den Hintereingang und kehrte durch das angrenzende Gartengelände zur Tiefgarage des Hotels zurück. Unterwegs warf er den Slip in irgend eine Mülltonne. Dann fuhr er im Hotel dank seines Schlüssels mit dem Lift wieder direkt nach oben.

Soweit er das beurteilen konnte, war er von niemandem gesehen worden und deshalb mit dem Ablauf der Ereignisse mehr als zufrieden. Mit dem Hotelaufenthalt als Alibi und der falschen Spur durch die fremde DNA müsste er eigentlich fein raus sein. Also bestellte er sich beim Zimmerservice zwei Piccolo, um seinen Erfolg zu feiern und einen weiteren Beweis seiner Anwesenheit zu haben. Danach schlief er in aller Ruhe dem nächsten Tag entgegen. Am Morgen machte er sich frisch und ging schließlich ganz gelassen zum Frühstück.

Auch an diesem Morgen lief alles wie geplant. Die Putzfrau kam zu seinem Haus, schloss auf, ging hinein und begann zu putzen. Dass niemand da war, störte sie nicht, das war nicht ungewöhnlich. Die Überraschung kam erst, als sie das Schlafzimmer betrat. Entsetzt ließ sie den Staubsauger fallen, eilte zum Telefon und rief die Polizei an.

Die kam auch schnell und sicherte die vorhandenen Spuren. Der Hausherr war natürlich nicht da. Aber eine Rufnummernliste im Flur verriet seine Handynummer und ermöglichte seine Verständigung.

Er hatte das Frühstück gerade beendet, checkte aus und kehrte auf dem normalen Weg über die Straße zu seinem Haus zurück.

Als er dort an kam, informierte ihn der Kommissar, dass seine Frau tot aufgefunden worden war, nannte aber keine Einzelheiten.

Nach seinem Aufenthalt befragt, zierte sich der Ehemann scheinbar etwas, gab dann aber zu, dass er die Dienste einer Prostituierten genutzt und die Nacht im Hotel verbracht habe. Das überprüfte der Kommissar natürlich gleich. Die Rezeption des Hotels gab an, Harald habe am späten Nachmittag eingecheckt, vermutlich eine Prostituierte zu Gast gehabt und am Abend zwei Piccolo aufs Zimmer bestellt. Wann sein Gast das Hotel verlassen habe, wisse man nicht. Harald habe am Morgen gefrühstückt und dann bezahlt und ausgecheckt.

Eigentlich hätte der Fall damit zwar ungeklärt, aber zumindest vorläufig, wenn nicht sogar endgültig erledigt sein können. Harald hatte ein bestätigtes Alibi, die fremde DNA, die man an der Leiche gefunden hatte, konnte niemandem zugeordnet werden und sonstige Verdächtige gab es ja nicht. – So jedenfalls hatte Harald sich das gedacht.

Mit den sehr spärlichen Ergebnissen vom Tatort war der Kommissar allerdings überhaupt nicht zufrieden. Außerdem störte ihn die Nähe des Hotels und machte ihn irgendwie misstrauisch. Deshalb kam er auf die eigentlich abwegige Idee, die Spurensicherung auch gleich noch in das Hotelzimmer zu schicken, obwohl das ja gar kein Tatort war. Und weil dort noch nicht geputzt war, fand man auch noch reichlich verwertbare DNA-Spuren.

Was der Laborbericht dann ans Licht brachte war zunächst gar nicht erstaunlich, ein Teil der Spuren konnte natürlich Harald zugeordnet werden. Ein anderer Teil gehörte zu einer unbekannten Person. Also vermutlich der Prostituierten.

Die große Überraschung war, dass die fremde DNA, die man bei der Toten gefundenen hatte mit der aus dem Hotelzimmer völlig übereinstimmte. Das führte zu dem dringenden Verdacht, dass die gleiche Person an beiden Orten gewesen sein müsste. Wenn aber diese Person an beiden Orten gewesen sein konnte, galt das natürlich auch für Harald. Und deshalb war sein schönes Alibi geplatzt.

Er sträubte sich zwar und leugnete noch eine Weile, gestand aber schließlich und ging dann dort hin, wo er absolut nie hin wollte. Und das für sehr lange Zeit.

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