rt-go: 2013-11-17

Die Fachkonferenz

Eine Anekdote aus der Schulzeit von Rolf Tiemann

Also, wie das heute ist, weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts mehr an. Aber zu meiner Zeit (ich war rund vier Jahrzehnte Lehrer an der Hauptschule Gau-Odernheim) war das so, dass alle Lehrer eines Faches sich mindestens einmal im Jahr zu einer Fachkonferenz treffen mussten, um zu bereden und zu beschließen, was es an fachspezifischen Dingen zu bereden und zu beschließen gab.

Zu diesem Zwecke wurde ein Lehrer aus dem Fachbereich zum Fachbereichsleiter ernannt. Der musste sich dann um die Planung und Durchführung der entsprechenden Fachkonferenz kümmern. Und, damit alles schriftlich festgehalten und für alle Zeiten überprüfbar war, wurde einer gesucht, der lesen und schreiben konnte. Das wollte zwar keiner, aber, weil es auch keiner abstreiten konnte, wurde immer ein Opfer gefunden.

Für die Fachkonferenz Erdkunde, über deren Verlauf ich hier etwas berichten will, war ein Kollege zuständig, den wir natürlich alle gut kannten. Insbesondere wussten wir von ihm, dass er nachmittags zwischen drei und fünf garantiert nicht erreichbar war, weil er zu dieser Zeit immer seinen ihm heiligen Mittagsschlaf hielt.

Dieser Kollege, nennen wir ihn mal Peter, obwohl der Name, wie die anderen auch, natürlich nicht stimmt und auch nichts zur Sache tut, hatte nun seiner Pflicht Genüge getan und an irgend einem Nachmittag für 14 Uhr 30 zur Konferenz ein geladen.

Weil die Kollegen Peter gut kannten, erinnerten sie ihn morgens nochmals nachdrücklich: “Peter, denk' dran, um halb drei! – Nicht, dass wir dann alle hier sitzen und du schläfst!”

“Nein, nein, kein Problem. Um die Zeit schlaf' ich nie.”, beeilte sich Peter zu versichern.

Punkt 14 Uhr 30 waren alle versammelt und Peter konnte die Konferenz eröffnen. Dazu erhob er sich bedeutungsvoll und sagte:

“Liebe Kollegen, ich freue mich, dass alle pünktlich erschienen sind und eröffne unsere diesjährige Fachkonferenz Erdkunde. Wie ihr alle wisst, hatten wir jahrelang ein Problem mit der Unterbringung der Landkarten. Durch eine Umordnung diverser Fachräume scheint das Problem nun aber gelöst. Weil der Kollege Kurt Müller damit beschäftigt war, kann er uns Genaueres darüber berichten. Kurt, ich erteile dir das Wort.” Dabei setzte er sich und – noch bevor Kurt etwas sagen konnte – war er eingeschlafen.

Kurt erklärte uns nun, warum das Problem gelöst sein könnte und, dass wir nur noch zustimmen müssten, damit das auch so bleiben könne. Natürlich stimmten wir alle per Akklamation zu. Das heißt: alle außer Peter, der mit leicht zur Seite geneigtem Kopf gemütlich in seinem bequemen Lehnstuhl saß und friedlich schlief.

Und schon hatten wir ein kleines Problem: Der Kollege Hans meldete sich nämlich prompt und fragte: “Was schreib' ich denn jetzt ins Protokoll?”

Daraus entstand nun abseits vom Protokoll eine kleine Diskussion, die sich darum drehte, ob wir Peter wecken oder weiter schlafen lassen sollten. Weil niemand befürchtete, dass uns dadurch bedeutende Beiträge von ihm entgehen könnten, entschieden wir schließlich, ihn schlafen zu lassen. Jedenfalls, so lange keine gravierenden Probleme zu lösen wären.

Nachdem das zur allgemeinen Zufriedenheit geklärt war, meldete sich Hans erneut: “Schön und gut, lassen wir ihn schlafen. Aber was schreib' ich ins Protokoll?”

“Na das Ergebnis der Abstimmung”, sagte ich darauf. “War jemand dagegen? – Nein. – Hat sich jemand der Stimme enthalten? – Nein. – Also schreibst du jetzt wahrheitsgemäß:
Der Beschluss wurde ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung angenommen.” – Das leuchtete ein und stellte alle zufrieden.

Und, weil sich keine gravierenden Probleme ergaben, konnte Peter friedlich weiter schlafen und die Abstimmungen liefen nun alle nach dem gleichen Muster: “Ist jemand dagegen? – Nein. – Enthält sich jemand? – Nein. – Also dann: Ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung angenommen.”

So ging die Konferenz nach und nach völlig problemlos über die Bühne und kam gegen 16 Uhr zum Ende.

Nun stellte sich allerdings erneut die Frage: “Lassen wir Peter weiter schlafen oder wecken wir ihn auf?”

Einer meinte: “Lassen wir ihn schlafen, er ist doch schon groß und findet auch im Dunkeln den Heimweg.”

“Das ist keine gute Idee.” meinte darauf Klaus “ich muss nämlich abschließen, wenn wir gehen. Dann ist aber die Alarmanlage aktiviert und Peter hat keinen Hauptschlüssel. Wenn der später aus dem Fenster steigt, steht gleich darauf die Polizei mit Blaulicht vor der Schule, um ihm über's Tor zu helfen. – Das geht nicht.”

“Na dann weck' du Peter auf, du kennst ihn am besten.”, sagte darauf jemand zu Klaus.

Der zögerte nicht lang und schlug Peter in seiner herzhaften Art so auf die Schulter, dass der fast vom Stuhl rutschte und sofort hell wach war.

Völlig verdutzt sagte Peter: “Oh, Entschuldigung, ich muss wohl kurz eingenickt sein. Wer hat das Wort?”

“Keiner.” sagte darauf Klaus und fuhr mit leicht süffisantem Unterton fort: “Es ist dir gelungen, die Konferenz in deiner bekannt ruhigen Art bis zu einem guten Abschluss zu begleiten. Jetzt kannst du getrost heim fahren und wenn du wissen willst, was du mitbeschlossen hast, lies einfach morgen das Protokoll.”

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