rt-go: 2017-02-20

Ein Schrei im Park

Ein Kurz-Krimi von Rolf Tiemann
(446 Wörter, 1 Toter)

Hanna war seit gut zehn Jahren verheiratet und hatte sich angewöhnt mindestens zweimal pro Woche den Tag mit einem abendlichen Spazierganz ausklingen zu lassen. Das gab ihr die Gelegenheit, in aller Ruhe über den Tag, ihre Familie und ihr ganzes Leben nach zu denken. So spät war in dem kleinen Park um die Ecke gewöhnlich niemand mehr unterwegs, der sie in ihren Gedanken hätte stören können. Die Kinder lagen um die Zeit im Bett und ihr Mann, Hans, saß gern noch etwas am Computer, um die Korrespondenz mit Freunden zu erledigen, für die im Alltag nicht genug Zeit blieb.

Natürlich hatte er mehr als einmal seine Befürchtungen geäußert. Aber die hatte sie alle mit den Worten zerstreut: “Lass nur mal einen kommen. Darauf warte ich nur. Der wird es bereuen, wenn er noch dazu kommt.” – Also ließ er sie gehen. Er wusste ja, dass sie fit war und früher Kampfsport betrieben hatte.

Eines abends war sie mitten im Park unterwegs, als plötzlich eine vermummte Gestalt hinter einem Baum hervor sprang. Die sagte zwar kein Wort, bedrohte sie aber mit einem großen blitzenden Messer. Hanna drehte sich auf der Stelle um, aber nicht etwa, um das Weite zu suchen, sondern nur, um zu dem Knüppel zurück zu laufen, an dem sie gerade eben vorbei gekommen war. Der Vermummte wollte seine vermeintliche Beute nicht entkommen lassen und rannte ihr hinterher. Sie bückte sich im Laufen und ergriff den Knüppel. Als er sie fast eingeholt hatte, drehte sie sich um und traf ihn damit voll am Kopf. Entsetzt ließ er sein Messer fallen und hob beide Hände vors verhüllte Gesicht. Der zweite Schlag zerschmetterte seine linke Hand, der dritte die rechte.

Er sackte langsam und leise in sich zusammen und fiel auf den Rücken. Mehr als ein leises Röcheln war nicht mehr zu hören, obwohl er noch nicht tot war.

Da stellte sich Hanna breitbeinig über seinen Kopf und schlug mit dem Knüppel mit aller Kraft, zu der sie fähig war, zwischen seine Beine. Ein gellender Schrei durchzog den Park und hallte von den umliegenden Häusern zurück. So grell und laut, dass Hanna meinte, ihr Hans müsse ihn zuhause gehört haben. Aber das war wohl nicht der Fall.

Als am nächsten Morgen alle beim Frühstück saßen, kam im Radio eine Meldung: “Im Friedenspark hat sich eine grauslige Tat ereignet. Ein Mann wurde auf martialische Weise umgebracht. Offenbar handelt es sich um ein Sexualdelikt. Die Polizei sucht (bisher vergeblich) nach Zeugen. Wenn sie etwas gesehen oder gehört haben, melden sie sich bitte bei der örtlichen Dienststelle.”

Hans warf Hanna einen fragenden Blick zu. Hanna blickte fragend zurück und Hans sagte zufrieden lächelnd: “Kannst du mir bitte mal die Butter reichen?”

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