rt-go: 2016-03-19

Anglerglück

Ein Kurz-Krimi von Rolf Tiemann
(1360 Wörter, 1 Tote)

Karl Heinz Wagner ist ein Schwabe durch und durch. Deshalb war er von Anfang an mit einem dicken Sparkonto gestartet. Dann hat ihm sein Patenonkel, dem er auch den zweiten Vornamen verdankt, ein beträchtliches Vermögen vererbt. Und schließlich ist er zum Regionalchef einer erfolgreichen Firma aufgestiegen.

Carla Maier kam aus bescheidenen Verhältnissen und hatte nach der Volksschule eine Ausbildung zur Sekretärin gemacht. Damit und mit ihrer ansprechenden Erscheinung stellte sie sich eines Tages bei Karl Heinz Wagner vor, um sich als Sekretärin zu bewerben.

Er sah sie und war hin und weg. Deshalb wurde sie nicht nur seine Sekretärin, sondern, kaum ein halbes Jahr später, auch seine Frau.

Sie war zwar in ihn nicht ganz so verliebt wie er in sie, aber das idyllische Landhaus und der ganze Komfort, den sie früher gar nicht kannte, konnten das zunächst mehr als ausgleichen.

Als Frau Wagner musste sie natürlich nicht länger Sekretärin sein, sondern durfte ihren Tag als “gepflegte Hausfrau” verbringen. Was ihr zuerst sehr gefiel, bereitete ihr im Laufe der Jahre immer mehr Verdruss. Sie hatte so wenig Abwechslung und Hobbys waren ihr fremd.

Gesellschaftliche Beziehungen hatten die Wagners nicht. Partys mit Smalltalk nannte er geistlose Zeit- und Geld-Verschwendung. Theater fand er langweilig und mit Oper konnte man ihn jagen. Musik hörte er unterwegs im Autoradio und gelegentlich auch mal zu Hause, aber nie exzessiv.

Sonntags, wenn er Freizeit hatte, zog er seine brusthohe Anglerhose an, nahm sein Angelzeug und stellte sich stundenlang in das kleine aber reißende Flüsschen, das direkt an seinem Grundstück vorbei floss. Dass er gelegentlich eine Forelle heraus zog, war nur ein Nebeneffekt. Hauptsache für ihn war die völlig entspannte Beschäftigung in der Natur.

Carla und Karl hatten praktisch keine gemeinsamen Interessen und eigentlich auch keine tiefer gehende Beziehung. – Sex? – Ja, sie hatten Sex. Aber eher selten und nie aufregend oder irgendwie exotisch. Missionarsstellung, nicht zu heftig und nicht zu oft. Das war's.

Und weil sie beide auch nicht an Kindern interessiert waren, hatte sie immer konsequent und erfolgreich mit der Pille verhütet.

Jetzt fand sie ihr Dasein mehr und mehr unerfreulich, fast unerträglich und dachte über eine Veränderung nach. Trennung ja, Scheidung aber nicht. Denn bei ihrer Eheschließung hatte er auf strikter Gütertrennung bestanden. Im Falle einer Scheidung würde sie mit dem was sie mitgebracht hatte aus dem Haus gehen und das war nichts außer der Kleidung, die sie auf dem Leib trug.

Außerdem lagen ihre Chancen auf einen Wiedereinstieg in das Berufsleben als Sekretärin bei Null. Inzwischen musste eine Sekretärin perfekt mit dem Computer umgehen können. Ihre Fähigkeiten waren da aber eher bescheiden. Die reichten gerade mal für eine Suche im Internet oder eine gelegentliche E-Mail, was mangels Kontakten eher selten vor kam.

Sie dachte daher über eine Form der Trennung nach, bei der er weg ginge und sie mit dem Vermögen zurück ließe. Juristisch betrachtet müsste man es wohl Gattenmord nennen, aber das ist ein sehr hartes Wort.

Nach reiflicher Überlegung kam sie zu dem Schluss, dass nur ein “bedauerlicher Unfall” bei seinem liebsten Hobby in Frage käme.

Er war ein absoluter Nichtschwimmer. Das war allgemein bekannt. Darauf angesprochen pflegte er zu sagen: “Die wenigsten Matrosen können schwimmen, obwohl sie ständig auf dem Wasser umher schippern. Ich bin nur mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug unterwegs.”

Sie war froh, dass er so dachte. Denn so musste sie nur dafür sorgen, dass er beim Angeln das Gleichgewicht verlor und ihn dann absaufen lassen. Das schien ganz einfach.

Dank seiner Erfahrung als Angler in dem zwar reißenden aber vertrauten Gewässer konnte er sich rühmen, noch nie ins Straucheln geraten zu sein. Das war ihr auch bewusst und bereitete ihr einiges Kopfzerbrechen.

Schließlich stand fest: Sie musste warten, bis er bei starker Strömung tief ins Wasser ging und dann dafür sorgen, dass er um fiel.

Weil sie aber nicht einfach selbst hin gehen und ihn umstoßen konnte, kam sie auf die Idee, das vom Ufer aus mit einem Pfeil zu machen. Der durfte natürlich nicht spitz sein, weil er sonst eine deutliche Wunde verursachen würde. Er musste gewissermaßen einen “Klumpfuß” haben, der ihm “an den Kopf treten” und ihn für kurze Zeit bewusstlos machen könnte. Für das Hämatom, das er verursachen würde, könnte man wahrscheinlich keine plausiblere Erklärung finden, als dass er sich zuvor irgendwo an einem Ast gestoßen haben müsste.

Und sie wüsste sowieso von nichts, weil er wie so oft zum Angeln gegangen wäre, während sie den Tag im Haus mit einem guten Buch verbracht hätte.

Jetzt fehlte nur noch die praktische Umsetzung.

Zunächst legte sie sich ihr erstes richtiges Hobby zu, das Bogenschießen. Dabei unterstützte er sie sogar, indem er ihr einen ganz besonders hochwertigen Sportbogen besorgte. – Schwaben verplempern kein Geld für minderwertige Dinge. – Eine Zielscheibe und reichlich Pfeile zum Üben gehörten selbstverständlich auch dazu.

Fortan war es ganz normal, dass sie häufiger im Garten stand und ihrem neuen Hobby nach ging. Dabei übte sie gewöhnlich mit den normalen Pfeilen das Zielen und Treffen. Nur wenn sie sicher war, dass sie nicht gestört würde, griff sie zu dem “Klumpfuß”, den sie nach zahlreichen Vorversuchen gebastelt hatte. Er war aus einem normalen Pfeil entstanden, indem sie zunächst die Spitze abgesägt und dann vorne einen Klumpen aus Epoxidharz angegossen hatte. Sie hatte aber nicht nur einen, sondern gleich ein ganzes Bündel von diesen “Klumpfüßen” gebastelt. Alle unterschieden sich in Form und Gewicht und durchliefen eine strenge Auswahl. Sie probierte so lange, bis sie endlich den optimalen “Klumpfuß” gefunden hatte. Denn, das hatte sich schnell gezeigt, das Flugverhalten unterschied sich doch ganz erheblich von dem eines normalen Pfeiles. Und um zu treffen, musste man auch anders zielen. Aber irgendwann hatte sie alles im Griff. Jetzt musste sie nur noch die passende Gelegenheit abwarten.

Inzwischen übte sie natürlich eifrig weiter und wurde so sicher, dass garantiert nichts schief gehen konnte.

Dann war der richtige Tag gekommen. Er war wieder zum Angeln gegangen und weil der Fluss leichtes Hochwasser hatte, musste er bis zu seinem gewohnten Standplatz etwas weiter und tiefer als sonst ins Wasser gehen. Dort wo er sonst nur bis zu den Knien im Wasser stand, ging es ihm jetzt bis zum Schritt. Aber das störte ihn gar nicht. Damit war er ja vertraut.

Sie wartete eine Weile, bis sie sicher war, dass er seine Position gefunden hatte und voll auf das Angeln konzentriert war. Dann griff sie sich den Bogen und den “Klumpfuß” und schlich zum Ufer. Er stand wie erwartet tief im Wasser und wegen des Hochwassers auch etwas weiter entfernt. Sie musste das kompensieren, indem sie sich einen etwas höheren Standplatz am Ufer suchte. Alles kein Problem.

Was sie jedoch nicht sah, gar nicht sehen konnte, war, dass das Ufer an dieser Stelle durch das Hochwasser schon etwas unterspült war. Als sie sich exakt positioniert hatte, in aller Ruhe den Bogen spannte und gerade schießen wollte, brach plötzlich unter ihr ein Stück des Ufers weg. Der “Klumpfuß” flog zwar davon, verfehlte sein Ziel aber total. Er bemerkte nur, dass irgendwo das Wasser auf spritzte und dachte, dort wäre ein Forelle gesprungen.

Sie warf im Fallen den Bogen von sich, schlug mit dem Kopf hart gegen einen dicken Ast, verlor das Bewusstsein und ertrank im knietiefen Wasser.

Der Bogen wurde im Fluss davon getragen, Wochen später flussabwärts von Kindern beim Spielen gefunden und nie mit dem Ereignis in Verbindung gebracht.

Als er am Nachmittag vom Angeln zurück kam, war Carla verschwunden. Er suchte im ganzen Haus nach ihr, fand sie aber natürlich nicht. In seiner Verzweiflung rief er bei der Polizei an. Zwei Streifenpolizisten, die sich rein zufällig in der Nähe befanden, kamen schließlich vorbei. Als er ihnen zeigte, wo er den Tag mit Angeln verbracht hatte, suchten sie gleich mal das Ufer ab und fanden sie. Eine Wurzel hatte verhindert, dass ihr Körper davon treiben konnte.

Die sofort herbei gerufene Spurensicherung fand Spuren von ihr und dem Polizisten, der sie gefunden hatte, aber keine von Karl oder anderen Personen.

Da die Polizei auch nach intensiver Suche nichts Verdächtiges finden konnte, schloss sie den Fall schließlich als bedauerlichen Unfall ab. Dem trauernden Witwer konnte und wollte niemand etwas vorwerfen. Und was Frau Wagner an diesem Tag am Ufer gesucht hatte, wurde nie geklärt.

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