rt-go: 2016-03-24

Alles außer Mord

Ein Kurz-Krimi von Rolf Tiemann
(870 Wörter, 2 Tote)

In den ersten Jahren ihrer Ehe waren sie sehr verliebt und glücklich miteinander. Aber das gab sich mit der Zeit. So wurde aus Zuneigung nach und nach Gleichgültigkeit. Und weil sie es nicht schafften, sich rechtzeitig zu trennen, wurde aus Gleichgültigkeit allmählich Abneigung. Im Lauf der Jahre wuchs diese Abneigung sogar so sehr, dass jeder nur noch den Wunsch hatte, den Partner um die Ecke zu bringen.

Offensichtlicher Mord kam aber selbstverständlich nicht in Frage. Denn dafür in den Knast gehen, wollte natürlich keiner. Deshalb belauerten sie sich gegenseitig und suchten nach Gelegenheiten, einander in unfallträchtige Situationen zu bringen. Dass dabei nicht sicher war, dass der andere auch wirklich zu Tode käme, war natürlich ein Mangel, aber nicht zu vermeiden. Man musste eben die Gelegenheiten nutzen, die sich boten. Und wenn erst mal ein Anfang gemacht wäre, ergäbe sich sicher auch die Gelegenheit, noch einen letzten, finalen Schubser an zu bringen.

Einmal war er beim Rasen mähen über das Kabel gefahren und hatte es zertrennt. Die Sicherung hatte sofort reagiert und den Stromkreis unterbrochen. Also stellte er den Mäher in den Schuppen, entsorgte das abgetrennte Kabelstück in der Mülltonne, wickelte das verbliebene Stück, das noch in der Dose steckte, so auf, dass sich die blanken Enden nicht berührten, aber gut greifbar waren und schaltete die Sicherung wieder ein. Seine Hoffnung, dass sie vielleicht dran greifen würde, erfüllte sich allerdings nicht. Statt dessen fand er am nächsten Morgen die Nachbarskatze leicht angeröstet und mit gesträubtem Fell. Sie hatte wohl gesehen, wie der Wind mit den losen Fäden des Kabels spielt und mitspielen wollen. Nun konnte er die Katze und das Kabel in die Tonne werfen. Damit war künftig nichts mehr anzufangen.

Einmal war er auf die Leiter gestiegen, um eine Deckenleuchte zu reparieren. Sie hatte ihm schnell einen Schraubendreher auf eine der Sprossen gelegt, in der Hoffnung, er werde drauf treten, ab rutschen und sich zu Tode stürzen. Den Gefallen tat er ihr aber nicht. Im Gegenteil. Als er wohlbehalten wieder unten war, freute er sich, dass er den Schraubendreher, den er schon so lange vermisst hatte, vor sich sah und packte ihn in die Werkzeugkiste.

Einmal hatte er die Verschraubung am Kellerregal gelockert. Sie sollte eigentlich verhindern, dass das Regal nach vorne um kippen und jemanden erschlagen könnte. Genau das wollte er nun wieder möglich machen. Und, damit sie die Chance auch nutzen könnte, stellte er die eingemachten Kirschen ins oberste Regalfach. So dass sie nur mit Mühe dran käme und sich richtig hoch ziehen müsste. Aber auch dieser Versuch musste scheitern. Denn als sie die Kirschen im obersten Fach gesehen hatte, fragte sie nur: “Hast du die Kirschen ins oberste Fach gestellt? Stell' sie bitte wieder runter, da oben komm' ich ja gar nicht dran.”

Irgendwann hatten beide unabhängig voneinander etwas über ein Medikament gelesen, das, in hoher Dosierung und insbesondere in Verbindung mit Alkohol, einen Herzinfarkt auslösen könnte und nur äußerst schwer nachzuweisen wäre.

Bei einer Reise ins nahe Ausland hatten sich beide daran erinnert, die Gelegenheit genutzt, sich das Medikament rezeptfrei zu besorgen und für alle Fälle schon mal bereit gelegt.

Dann kam ein wunderbarer Sommertag mit sehr angenehmen Temperaturen, ganz ohne jede Schwüle und mit einer herrlichen, sanften Brise. Da war völlig klar, dass sich beide abends auf die Terrasse setzen würden, um den Feierabend zu genießen. Und ebenso klar war, dass er in den Keller gehen würde, um kühles Bier herauf zu holen. Deshalb stellte sie die flache, kippelige Obstschale mit etwas Obst auf eine der oberen Stufen der Kellertreppe, so als ob sie sie dort vergessen hätte.

Später ging er wie erwartet in den Keller, um Bier zu holen. Dabei trat er dann zwar an, aber nicht auf die Obstschale. Die fiel scheppernd die Stufen hinab, bis sie mit Getöse unten ankam. Als sie das Scheppern hörte, aber kein dumpfer Aufschlag folgte, wusste sie, dass wieder ein Versuch gescheitert war. Deshalb holte sie schon mal das Medikament aus dem Versteck und steckte es griffbereit in ihre Schürze. Auch er hatte sein Medikament aus dem Versteck im Keller mit gebracht und schüttete es nun in seine eigene Bierflasche. Denn er war absolut sicher, dass sie ihm misstrauen und einen Tausch der Flaschen vorschlagen würde. Als er kurz in den Flur ging, um einen Anruf entgegen zu nehmen, nutzte sie die Gelegenheit und füllte ihr Medikament in ihre Bierflasche. Denn die wollte sie natürlich ihm zukommen lassen.

Als sie dann beide auf der Terrasse saßen und nach der Flasche griffen, sagte sie genau so, wie er es erwartet hatte: “Gibst du mir deine Flasche? Ich weiß ja nicht, ob du mir was in meine geschüttet hast.” – “Kein Problem.” antwortete er und gab ihre sehr gern seine Flasche.

Dann tranken beide.

Als der Nachbar am nächsten Morgen einen Blick über den Zaun warf, war er erstaunt, sie beide schon auf der Terrasse zu sehen, rief laut: “Guten Morgen!”, bekam aber keine Antwort. Dann rief er nochmals etwas lauter und bekam wieder keine Antwort. Schließlich rief er die Polizei an.

Die fand die beiden und brachte sie in die Pathologie. Dort stellte man fest, dass beide offenbar an der Überdosis eines Herzmedikamentes gestorben waren.

In der Zeitung stand schließlich: Friedlicher Doppelselbstmord, älteres Rentnerehepaar scheidet gemeinsam aus dem Leben.

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