rt-go: 2008-02-28

Wetter ?  -  Egal !       
     
Scheißwetter ?  -  Scheißegal !  

(fast jedenfalls)

1. Der Streamer

Vorbemerkungen


(Satellitenbild von Google Maps)

Ich wohne zwar in einer Gegend, Rheinhessen (s. grüner Punkt), wo es nur selten regnet und ganz oft die Sonne scheint. Trotzdem regnet es gelegentlich auch hier.

Das Problem dabei ist aber gar nicht so sehr der Regen selbst, sondern viel mehr die “Drohung”, die mich gelegentlich von einer Radtour ab hält. Und wenn ich dann hinterher fest stelle, dass es, wie so oft, doch wieder nicht geregnet hat, dann ärgert mich das natürlich.

Die Alternativen:

  • Velomobil mit Vollverkleidung anschaffen,
    (Lieferzeit 6 Jahre, Kosten 6.000 €)
  • riskieren, ungeschützt auf dem Rad richtig nass zu werden oder
  • ganz auf die Tour verzichten,

konnten mich auf die Dauer nicht zufrieden stellen. Also habe ich mir meine Gedanken über das Problem gemacht.

Als Fußgänger nimmt man einen Schirm mit, als Wanderer eventuell Regenkleidung. Als “aufrechter” Radler kann man ein Cape überziehen, das einen weitgehend vor Nässe schützt. Weil das eine kostengünstige Lösung ist (~20 Euro), die nicht viel Aufwand erfordert, habe ich mir auch eins zugelegt und war damit der Lösung meines Problems auch schon ein gutes Stück näher. Auch wenn das nur der einfachere Teil war.

Als Liegeradler bin ich damit zwar am Oberkörper geschützt, aber der Rest ist dem Regen fast frontal ausgesetzt. Und insbesondere wenn das Wasser gen Italien läuft und der Fahrtwind in die gleiche Gegend bläst, ist die Gesundheit ernstlich in Gefahr.


Ein HP-Streamer am Kettwiesel.

Die übliche “Lösung”, ein sogenannter “Streamer”, der den Unterkörper (bzw. die Unterbeine) trocken halten soll, kostet mit rund 400 Euro einfach viel zu viel und ist diversen Erfahrungsberichten zu Folge auch sein Geld nicht wert, weil er nicht wirklich zufriedenstellend funktioniert.

Also habe ich überlegt, wie ich speziell für mein Lepus eine Lösung finde, die finanziell im erträglichen Rahmen bleibt und mit meinen Mitteln (Heimwerkerausrüstung und örtliche Werkstätten) realisierbar ist. Also für halb so viel Geld doppelt so gut funktioniert.

 

Planung

( Kurbelbereich - Träger - möglicher Schutzbereich )

Eine genauere Untersuchung der Verhältnisse an meinem Lepus ergab, dass es gar kein dreidimensional gewölbter Streamer sein muss. Ein einfaches “Halbrohr” von ~60 cm Durchmesser und ~100 bis 120 cm Länge würde es vermutlich genau so gut oder sogar noch besser tun.

Der Kunststoff muss auch nicht durchsichtig sein. Da die Blickrichtung fast genau der Richtung der Verkleidung entspricht, sieht man eh fast nur die Kante und ungehindert das, was drunter oder drüber liegt. Wenn das Cape daran befestigt ist, allerdings nur noch das, was darüber liegt. Aber es genügt ja völlig, wenn man den Weg bis gut zwei Meter vor dem Rad ungehindert sehen kann. Was noch näher ist kann man ja eh nicht mehr umfahren.

Einen geeigneten, 5 mm starken, weißen, geschäumten Kunststoff aus PVC, wie er z. B. für Plakate verwendet wird, habe ich nach eifriger Suche gefunden und eine Tafel von 120 x 200 cm für 50 Euro erhalten. Das sollte für zwei Exemplare reichen.

Ein Kleines Stück davon habe ich in kochendem Wasser auf annähernd 100°C erhitzt und fest gestellt, dass es sich bei dieser Temperatur dauerhaft verformen lässt.

Für den Unterbau hätte ich gern Aluminium verwendet, musste aber fest stellen, dass das kaum jemand bearbeiten kann. Jedenfalls nicht so, wie es hier nötig gewesen wäre. Deshalb habe ich mich in Absprache mit einem örtlichen Handwerker für Edelstahl entschieden. Der ist zwar deutlich schwerer, aber auch stabiler und muss deshalb nicht so stark dimensioniert werden. Außerdem lässt er sich vor Ort verarbeiten, also biegen, trennen und schweißen und das ist letztlich das Entscheidende.

 

Jetzt wird's konkret

Für die Konstruktion des Vorderteils habe ich erst mal ein paar Holzlatten ans Rad montiert, um zu sehen, wo und wie das Gestänge zu befestigen ist, damit nichts behindert wird. Die Pedale haben ausreichend Platz. 

Nur die Lampe musste, damit sie bei vollem Lenkeinschlag nicht anstößt, durch eine Verlängerung nach vorne versetzt werden. Bei der “aufwändigen” Konstruktion handelt es sich übrigens um eine simple 6er Gewindestange und gekonterte Muttern. Das Blaue ist nur ein Stück Plastikschlauch, das das nackte Gewinde verdeckt und schützt. Ob die Lampe an dieser Stelle bleiben kann, muss sich erst noch zeigen, wenn die Verkleidung angebracht ist. Falls sie verdeckt würde, müsste sie noch etwas weiter nach unten wandern.

Um die Winkel und die Maße für alle Teile der Konstruktion zu ermitteln, mussten wieder einige Holzlatten montiert werden. Vorne kann man, noch lose aufgehängt, einen der beiden Stahlrohrbögen sehen, die das “Kuststoffgewölbe” später mal an seinem Platz halten sollen.

Hier sind beide Bögen zur ersten Erprobung provisorisch montiert ...

... und hier mit einer Pappe als “Streamer” abgedeckt.

Alles ist noch sehr provisorisch und dient nur dazu,
vorher ab zu klären, ob das spätere Ergebnis
voraussichtlich den Erwartungen entsprechen wird.

 

Die Haube (1. Versuch)

Um die 120 x 100 cm große PVC-Hartschaumplatte zum halben Rohr zu formen, musste sie mit viel Kraftaufwand in einen extra gezimmerten Holzrahmen gespannt werden und durfte dann einige Stunden in der Trockenhalle einer Autolackiererei verbringen. Weil die aber nur auf etwa 65°C kam, war die Platte anschließend zwar etwas gebogen, hatte aber noch nicht ganz die richtige Form an genommen.

So geht's leider noch nicht.

 

Die Haube (2. Versuch)

Deshalb habe ich sie noch etwas mehr
 in die gewünschte Form gezwungen,
um sie in einer Sauna bis auf ~95°C auf zu heizen.

Leider habe ich es dann aber versäumt,
 in der Sauna dabei zu bleiben.
 Deshalb konnte ich nicht einschreiten,
 als sich der offenbar viel zu sehr erweichte Kunststoff
 hemmungslos der Schwerkraft ergab.

Mit Absicht hätte ich diese außergewöhnliche Form nie hin bekommen.

Denkpause

Weil danach das Wetter wesentlich besser wurde und andere Dinge Vorrang hatten, musste das Projekt eine ganze Weile pausieren.

Als es dann aber wieder in Richtung Winter ging und auch das Wetter wieder unfreundlicher wurde, wollte ich das Problem erneut angehen.

 

Der Unterbau

Die beiden Tragebügel hatte ich an ein halbiertes 50er V2A-Rohr anschweißen lassen, das dann mit zwei Halbschalen am Vorbau angeschraubt wird.

Die insgesamt 12 Schrauben (M5) halten die Tragekonstruktion sehr zuverlässig am Vorbau fest. Geschraubt wird zunächst hinten von oben, weil dort genügend Platz ist. Um unnötige Parterre-Akrobatik zu vermeiden wird dann das Trike einfach hochkant auf die Hinterräder gestellt und vorne von unten geschraubt, weil man dort von oben schlecht dran kommt.

Die Schrauben werden alle erst mal nur lose eingeschraubt, weil da rundum nicht viel Platz bleibt. Erst wenn der ganze Aufbau ausgerichtet ist, werden die Schrauben fest angezogen.

 

Die Haube (3. Versuch)

Ich spannte also wieder eine PVC-Platte (die zweite Hälfte) in meinen Holzrahmen und begab mich zusammen damit in eine Sauna.

Weil die 65° nicht gereicht hatten und die 95° (jedenfalls auf Dauer) zu viel waren, versuchte ich es nun mit 80° und blieb dabei, damit ich jederzeit den Grad der Erweichung und Verformung kontrollieren und nötigenfalls einschreiten konnte.

Genau das musste ich dann auch.

Der Kunststoff war, weil er ja “durchgewärmt” werden muss, schon beim Aufheizen drin. Ich bin dann erst “eingestiegen”, als die 80°C erreicht waren. Aber das war weder zu früh noch zu spät, denn ich konnte zu sehen wie sich der Kunststoff langsam verformte.

Ich hatte angenommen, dass sich der Kunststoff gleichmäßig erwärmt und deshalb auch gleichmäßig zum Halbrohr verformt. Die Spannung, die durch den Holzrahmen vorgegeben war, führte jedoch dazu, dass das Halbrohr relativ eckig wurde. - Hier beendete ich rein präservativ (de: vorsorglich) aber sehr spontan die Saunasitzung.

So “eckig” passt das natürlich nicht auf die kreisrunden Träger.

Aber man muss das Ergebnis wenigstens nicht weg werfen.

 

Die Haube (4. Versuch)

Nachdem ich nun definitiv fest gestellt hatte, dass der erweichte Kunststoff zwar auch durch den äußeren Druck, vor allem aber durch die Schwerkraft geformt wird, beschloss ich eine innere Form zu erstellen, auf die sich die Platte voll auflegen kann.

Dabei kam mir wieder mal der Zufall zu Hilfe. Ich musste nicht lange nach brauchbarem Material suchen. Bei einer kleinen Renovierung ergab es sich, dass ein Schrank entsorgt werden sollte. Und was hatte der als Rückwand? Presspappe in der Größe 120x96 cm. Die Hartschaumplatte hat 120x100 cm. Das passt.

Auch die Presspappe wollte sich nicht freiwillig zum Halbrohr biegen lassen. Aber mit etwas Nachdruck und unzähligen Schrauben hat es dann doch geklappt.

Hierauf sollte sich der erweichte Kunststoff dank Hitze
und Schwerkraft endlich in die gewünschte Form begeben.

Das Thermometer hat die 80 schon erreicht, aber der Kunststoff offensichtlich noch nicht. Ich habe deshalb auf 90° erhöht, mich aber vorsichtshalber dazu gesetzt. Oben hat sich dann die Form tatsächlich an den Unterbau angepasst. Nur die unteren Ränder wollten nicht, weil dort praktisch keine Kraft wirkt. Weil ich in der Sauna natürlich nichts weiter dabei hatte, habe ich kurzer Hand alles aus der Sauna aus geräumt und die unteren Kanten schnell mit zwei Brettern und vier Schnellspannern an die Form an gepresst, bevor der Kunststoff wieder kalt werden konnte.

Danach hat die Wölbung dann endlich
in etwa der gewünschten Form entsprochen.

Hier sieht man, dass beides fast exakt zusammen passt.
Die Abweichungen lagen bei maximal ein cm.

Um den Streamer etwas gefälliger zu machen und die Verletzungsgefahr zu verringern, habe ich die Ecken großzügig abgerundet und die Kanten fein abgeschliffen. Die Länge habe ich auf 107 cm reduziert. Das hat sich so ergeben. Vorne sollte kein großer Überstand sein und hinten genug Freiraum, um bequem Platz nehmen zu können.

Zur Kontrolle erfolgt eine Stellprobe ...

... und eine Begutachtung ...

... von allen Seiten.

 

Die Hochzeit

Zur Verbindung von Haube und Träger habe ich zu
“Pattex Montage Kraft-Kleber Spezial transparent”
gegriffen.
Das erschien mir einfach und zweckmäßig.
Auf jeden Fall erfordert es erheblich weniger Aufwand
als Schrauben oder Nieten.

Um die verbliebenen Differenzen aus zu gleichen,
musste wieder etwas Druck ausgeübt werden.

Nach gut 24 Stunden wollte ich dann das Korsett entfernen,
musste aber fest stellen, dass die unteren Ränder
so unter Spannung standen,
dass sie der Kleber nicht halten konnte.
(Im Nachhinein denke ich,
ein anderer Kleber oder Silicon
hätten es auch getan.)

Ich habe mich deshalb entschlossen,
die unteren Ränder doch mit vier 5er Schrauben
zusätzlich zu befestigen.

Ohne die Schrauben wär's natürlich schöner,
aber was nicht geht, geht halt nicht.

Die Probefahrt beweist jedenfalls,
dass die Schrauben nicht stören.

Wie überhaupt alles passt und nichts stört.

 

Die ganze Konstruktion wiegt inklusive Schrauben und allem rund 5,9 kg. Das ist zwar sehr viel im Vergleich zum HP-Streamer, der nur etwa 2,2 kg auf die Waage bringt. Aber mit 107x61 cm ist er auch etwas größer als der HP-Streamer mit 100x55 cm. Und, was mir sehr wichtig ist, mein Streamer ist so stabil, dass man daran das Trike hoch heben kann.

Die ursprüngliche Farbe des PVC-Hartschaumes ist Weiß. Weil man Weiß sehr gut sieht und mir der Streamer so auch ganz gut gefällt, will ich ihn zunächst so lassen. Das schließt nicht aus, dass er irgendwann doch noch lackiert (gespritzt) wird, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt. Schließlich wäre auch Sonnengelb eine sehr schöne und bestens geeignete Farbe. Oder Nato-Oliv für den Kampfeinsatz.

Allerdings gibt es auch sehr gute Gründe
alles im Originalzustand zu belassen:

  • Es kostet nichts extra und macht keine unnötige Arbeit.
  • Das PVC kann man sogar unter Einsatz von Chemie ziemlich ungeniert abschrubben, wenn es mal verunreinigt ist, und
    das bleibt ja leider nicht aus.
  • Wenn es mal zu Kratzern kommt, ist nicht gleich der Lack ab.

 

Weil aber bekanntlich nachts alle Katzen
und sogar weiße Streamer grau sind,
habe ich eine vorhandene grüne Reflexfolie genutzt,
um meinen URL in 200 Punkt Größe
auf den Streamer zu schreiben.
 
Ein Bisschen Eigenwerbung muss ja auch mal sein.

Was jetzt noch fehlt ist die Komplettierung
des Wetterschutzes mit dem Cape.


 

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