rt-go: 2008-05-10

Kocher-Jagst-Radweg

Die große Verarsche

eine Trike-Tandem-Rundtour
~ 78 Km  ~ 722 Hm

Die Route kann man als
Kocher-Jagst-Runde.gpx + kocher-jagst-runde.kml
herunter laden

und bei ansehen.

  

Vorspiel

 

Auf der Suche nach neuen Radtouren kamen wir durch Hinweise von Bekannten und die sehr viel versprechende Werbung im Internet auf den Kocher-Jagst-Radweg.

Zitat:

Liebe Radler,
vor 11 Jahren war es nur eine Idee. Heute zählt der Kocher-Jagst-Radweg zu den beliebtesten Radtouren in Deutschland. Einen Fluss hinunter und den Zwillingsfluss wieder hinauf, 330 Kilometer Radweg ohne große Steigungen, größtenteils abseits der Straßen durch eine wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaft: Das ist einmalig!

So etwas Einmaliges hatten wir schon lange gesucht. Und “ohne große Steigungen einen Fluss hinunter und den Zwillingsfluss wieder hinauf”, das wollten wir natürlich sehr gern genießen.

Weil man auf der genannten Website Informationsmaterial anfordern kann, habe ich das natürlich gemacht. Insbesondere wenn man zwei Tage unterwegs sein möchte, will man ja schon vorher wissen, auf was man sich da einlässt.

Kocher-Jagst-Radweg - Übersichtskarte - kostenlos

Übersichtskarte zum 330 km langen Kocher-Jagst-Radweg, mit Streckenverlauf, Höhenprofil, den Verbindungswegen ins Liebliche Taubertal (Raderlebnis Kocher-Jagst-Tauber), Unterkünften an der Strecke und touristischen Hinweisen wie z. B. Fahrradverleih.

Kocher-Jagst-Radweg Spiralführer - 3,90 Euro

Der Spiralführer lädt Sie ein zu einer 6 Tages-Radtour auf dem Kocher-Jagst-Radweg. Ein Rundkurs von 330 km führt Sie entlang der Zwillingsflüsse Kocher und Jagst inmitten einer wunderschönen und idyllischen Landschaft. Entdecken Sie dabei die vielen verschiedenen Sehenswürdigkeiten entlang des Radweges. Zudem enthält der Spiralführer Pauschalangebote, verschiedene Tagestouren, ein Höhenprofil sowie eine DB-Streckenkarte.

Weil wir nur zwei Tage (Samstag 10. und Sonntag 11. Mai) zur Verfügung hatten, war klar, dass wir nicht die große 330 Km-Runde fahren würden.

Einem Vorschlag aus dem Spiralführer folgend, wollten wir die Zweitagestour von Bad Friedrichshall den Kocher hoch bis Sindringen und von dort die Querverbindung nach Jagsthausen fahren, um am zweiten Tag die Jagst hinunter nach Bad Friedrichshall zurück zu radeln. Bad Friedrichshall bot sich wegen der kürzeren Anreise als Startpunkt an. Im Führer ist diese Tour nicht ausdrücklich, sondern nur zum Teil in der Gegenrichtung beschrieben, aber wir wollten halt erst hoch und dann runter fahren und machten es deshalb auch so.

“Beschreibung” ist übrigens maßlos übertrieben, denn der Spiralführer ist nicht mehr als eine Aufzählung der Orte und Sehenswürdigkeiten. Die Beschreibung der Tour sieht z. B. so aus:

-> Von Neuenstadt wieder nach Brüg zurück führt der Radweg zunächst in einiger Entfernung vom Kocher durch Kochertürn, Stein am Kocher über Oedheim nach Bad Friedrichshall (15 km).

Da weiß man doch alles,
was man als Radler unterwegs wissen muss.

 

Das Höhenprofil der ersten Etappe von
Bad Friedrichshall bis Sindringen (Forchtenberg).
Original aus der Publikation.
 

 

Zum Vergleich das Höhenprofil von GPSies.
 

Beide Etappen sind jeweils rund 40 Km lang. Das erschien uns gerade richtig. Wir waren “untrainiert”, wussten nicht wie leicht oder schwer uns die Tour fallen würde und dachten, dass wir die Runde ja bei Bedarf problemlos z. B. über Schöntal etwas erweitern könnten. Das hat sich dann allerdings erübrigt.

1. Etappe:

Bad Friedrichshall ⇒ Sindringen ⇒ Jagsthausen

Wegen der ~130 Km Anreise kamen wir erst um etwa 10 Uhr an, suchten uns im Ortsteil Kochendorf einen Parkplatz in der Nähe vom Kocher und fuhren etwa um 10 Uhr 30 los. Zunächst um den Radweg zu suchen.

Das erwies sich als schwieriger als vermutet, denn von Schildern war da, jedenfalls in der Nähe vom Kocher, nichts zu sehen. Aber es gibt ja Eingeborene, die jedoch bisweilen noch weniger als wir wissen.

Der Kocher war nicht schwer zu finden.

Also fuhren wir erst mal über die Kocher-Brücke, um uns dann von einer Eingeborenen zurück schicken zu lassen.

Hier führt dann (halblinks) ein Weg zum Kocher runter ...

... der allerdings gleich in der Pampa endet und uns zur Umkehr bewegt.

Danach begeben wir uns der Aussage einer anderen Eingeborenen folgend auf diesen Weg,
der zwar nicht der Radweg ist,
uns aber einige Kilometer am Kocher entlang führt.

Dann kommt von links dieser schöne Radweg,
den wir geschickt umfahren hatten.

Das war wohl der richtige.
Allerdings bestätigen uns die Radler, die ihn benutzt haben,
dass sie (im Gegensatz zu uns) den Kocher noch nicht gesehen haben.

Weil diese Fortsetzung nicht sehr vielversprechend ist, ...

...wählen wir den einzigen übrigen Weg.
Wenn alles so klar ist, braucht man gar keine Schilder.

In Hagenbach treffen wir dann auf den ersten Wegweiser,
der uns bestätigt, dass wir uns jetzt endlich
auf dem richtigen Radweg befinden.

Auch wenn der jetzt erst mal über eine normale Straße
in Richtung Oedheim führt.

Endlich ein Radweg, der die Bezeichnung verdient.

 Und eine schöne Landschaft.

Da macht das Fahren richtig Spaß.

Weinanbau in steiler Lage.

Da möchten wir nicht unbedingt arbeiten.
Aber Pause machen ist kein Problem.

Mit einer Entfaltung von 2,40 m im kleinsten Gang
geht bei 15% Steigung gar nichts mehr.
Klar, dass meine Frau da ab steigt und zu Fuß geht.

Auch klar, dass ich dann den Lindwurm
alleine den Berg hoch treten darf.

Aber mit einer Entfaltung vom 1,53 m ist das zu schaffen.
Auch wenn der Spaß dabei leicht reduziert ist.

Der Abdruck zeigt, wie ich rein treten durfte.

Zum Ausgleich darf man dann ausgiebig den weiten Ausblick
über die schöne Landschaft genießen.

Stein am Kocher.
Der Namenszusatz hat wohl eher großräumige Bedeutung.
So kann man den Ort von anderen wie z. B. Stein am Rhein unterscheiden.

Auf jeden Fall liegt der Ort auf dem Berg
und vom Kocher ist nichts zu sehen.

Die Beschilderung ist eindeutig.

Deshalb hält sich das Verkehrsaufkommen auf dem Radweg
ebenso in Grenzen ...

... wie auf der später folgenden Landstraße, ...

... die uns unter der A 81 durch führt.

Kurz zuvor in Bürg soll der Radweg
links die Straße hoch weiter gehen.
Als wir uns an einer Informationstafel schlauer machen wollen, hält ein Eingeborener mit dem Auto extra an,
um uns zu helfen.

Er erzählt uns,
dass sich die Einheimischen schon sehr darüber amüsiert haben, was da den Touristen als Radweg verkauft wird.
Weil wir die Stelle zum Lachen noch suchen,
empfiehlt er uns statt des offiziellen Radwegs
lieber die geräumte Bahntrasse,
obwohl dort nur grober Schotter liegt,
weiter zu fahren.
Das machen wir dann auch.

Blick über den Kocher nach Gochsen.

Die ehemalige Bahntrasse soll irgendwann zum Radweg werden.

Wir üben schon mal und kämpfen uns mit ~6 km/h nach Gochsen.

Die Fahrt ist zwar etwas bewegend,
aber wer, außer dem hilfsbereiten Eingeborenen,
weiß, was uns auf der Alternativroute erwartet hätte.

Straße oder Wirtschaftsweg?

Endlich eine Rastmöglichkeit.
Weil in Kochersteinsfeld an diesem Samstag zufällig
ein Laden einen Sonderverkauf mit “Volksfest” durch führt,
kommen wir zu etwas Essbarem und einer Erfrischung.

Irgendwie müssen wir das Glück gepachtet haben.

Natürlich kann man auch unterwegs rasten.
Aber dann gibt's eben nur das,
was man selbst mitgeschleppt hat.

Auf der umgebauten Bahntrasse zwischen Möglingen und Ohrnberg kann man sogar Skatern begegnen.

Da macht es Spaß zu radeln.

Nur die bescheuerten Schikanen müssten nicht sein.
Die erste lässt eine Umgehung zu.
Aber bei der zweiten müssen wir Hand anlegen.
(Die Akkuflex hatten wir leider nicht dabei.)

So geht's ja auch.

Der “Supermarkt” hat rund um die Uhr geöffnet
und die Auswahl (an Äpfeln) ist groß.
Sieben verschiedene Sorten.

Radler auf der Suche nach einer Einkehr.
Die sind allerdings äußerst rar.
Nur Landschaft gibt's reichlich.

Den Weg nach Sindringen kann man mit 8 bis 10 km/h befahren.

Jedenfalls wo keine Hindernisse
den Rausch der Geschwindigkeit dämpfen.

Hindernisse sind allerdings nicht gerade selten.

Auch am Ortseingang wird man dazu gebracht,
nicht achtlos durch zu rasen.

So entschleunigt übersieht man dann auch nicht, dass Sindringen gleich mehrere Möglichkeiten zur Einkehr bietet.

Die Informationstafel macht Werbung,
ist aber nicht wirklich informativ.

Deshalb erkundige ich mich bei drei Eingeborenen,
die mir bestätigen, dass es tatsächlich keinen Radweg,
sondern nur normale Straßen nach Jagsthausen gibt.

Die Zwei-Flüsse-Rundtour wurde in jüngster Zeit noch aufgewertet durch Querwege zwischen Kocher und Jagst.

Diesen “Querweg” müssen wir dann hoch.
7% Steigung über eine Länge von 3 Km.
Bei ~6 km/h kostet uns das eine halbe Stunde und viel Puste.
Und wegen der kurvenreichen Strecke außerdem Nerven.

Die Twens in dieser Gegend fahren offenbar gern
 Sportwagen mit dicken Auspuffrohren,
damit der Hirsch bei der Brunft auch richtig röhrt,
und zeigen dann gern,
wie flott sie um die Kurven brettern können.
Obwohl sie auf dieser Straße durch die Pampa
ja eigentlich fast nie gesehen werden.

Nach einem weiteren Kilometer bergab
ist das Ziel fast zu riechen.

Der erste Blick auf die Jagst.

Es ist 17 Uhr.
Wir sind am Ziel und fühlen uns gründlich verarscht.

Für die 41 km haben wir 6 Stunden reine Fahrzeit gebraucht.
Und dabei haben wir vermutlich keinen
 der überflüssigen Buckel ausgelassen
und hatten 5 Stunden strammen Gegenwind,
den wir unten am Fluss überhaupt nicht gespürt hätten.

 

 Unser Nachtquartier, das wir schon zwei Wochen zuvor gebucht hatten, erwartet uns.
Radler sind hier willkommen und die Räder dürfen wir
in einer geschlossenen Garage für die Nacht abstellen.
Ein schönes Abendessen gibt's auch.
Der Tag ist gelaufen.

2. Etappe:

Jagsthausen ⇒ Möckmühl ⇒ Bad Friedrichshall

 

Mit einem ausgiebigen Frühstück kann ein schöner Tag beginnen.

Als wir der Wirtin erzählen,
dass wir am Vortag den Kocher hoch gekommen sind,
geht sie einen Schritt zurück und hebt zur Abwehr beide Hände, so, als ob wir ihr vorgeschlagen hätten,
selbst diesen Weg zu fahren.

Alles, nur das nicht.

Als wir ihr sagen,
 dass wir nun die Jagst hinunter fahren wollen,
versichert sie uns, dass das überhaupt kein Problem sei.

Na dann können wir ja um 9 Uhr beruhigt los fahren.

Am Ortsausgang gibt es sogar
einen Wegweiser mit Entfernungsangabe.

Und bisweilen sind nützliche zusätzliche Hinweise
auf den Wegen zu finden, die die Orientierung erleichtern.

Halt auf der Brücke. Kein Problem bei null Verkehr.

Ein schöner Weg.

Die “rasante” Fahrt dauert aber nur kurz.

Doppelte Sicherheit.
Links reicht es nicht zum Durchfahren
und rechts müssen wir uns sehr langsam
durch's Grünzeug schleichen, weil dort Steine liegen.
Da muss doch schon wieder einer gedacht haben.

Weil hier der Rummel aufgebaut wird,
konnten wir den Wegweiser an der Abzweigung,
wo er vermutlich steht, nicht sehen.

Also sind wir geradeaus weiter gefahren.

Aber auch diese “flotte Abkürzung”...

... führt uns schließlich wieder auf den normalen Radweg.

Und der ist wieder richtig schön.

So geht's auch. Eine zwar wenig befahrene,
aber trotzdem normale Straße überquert den Radweg.

Möckmühl.

Um 10 Uhr ist auf dem Marktplatz noch total tote Hose.

Weil die normale Brücke sehr schmal ist,
dürfen Fußgänger und Radler über eine eigene.

Am Sonntag sind viele Familien unterwegs.

Radwege sind sehr vielseitig nutzbar.

Millimeterarbeit. Aber es hat gepasst.

Kurze Steigungen bis 13%
lohnen immer einen kleinen Zwischenspurt als Solist, ...

... wenn man dafür eine schöne Landschaft überblicken darf ...

... und ein Gartenlokal erreicht.
Im Schwimmbad gibt's zwar kein Wasser,
aber an der Theke gibt's Radler.

In Herbolzheim ...

... wird die Freude nur kurz durch eine Baustelle getrübt.

Dass man hier gut Rad fahren kann, ...

... wissen offenbar noch mehr.

Sonntags morgens müssen die Felder kontrolliert werden.
Wann sonst sollte der Bauer dafür Zeit haben.

Family on tour.

Der Dämpfer am Schluss.

Spurbreite 80 cm, Wegbreite 75 cm
und das nicht einmal durchgehend.

Gegen 13 Uhr lockt in Jagstfeld
nicht nur die schöne Aussicht auf die Landschaft,
sondern auch die Aussicht auf eine schöne Stärkung.

Für die 40 Km haben wir inklusive Pausen
keine vier Stunden gebraucht.

Die verbliebenen drei Kilometer bis zum Parkplatz im Ortsteil Kochendorf haben wir am Ende natürlich auch noch geschafft.
Indem wir die Eingeborenen befragt haben
und vier Kilometer gefahren sind.


 

Fazit

Jagst immer,
Kocher nimmer.

Natürlich können wir uns kein Urteil über den gesamten Kocher-Jagst-Radweg erlauben. Aber über die, die für die Werbung verantwortlich sind schon. Die müsste man mit Tandem und Kinderanhänger von Bad Friedrichshall nach Jagsthausen hetzen. Und zwar so oft, bis sie es endlich kapiert haben. Falls sie dazu überhaupt fähig sind. Oder zum Sand zählen in die Wüste. Aber selbstverständlich ohne Wasser.

Der Jagst-Radweg (von Jagsthausen bis Jagstfeld) ist schön und mit kleinen Einschränkungen auch empfehlenswert.

Der Kocher-Radweg (von Kochendorf bis Sindringen) ist dagegen eine einzige Zumutung. Und die Behauptung “ohne große Steigungen” ist eine Unverschämtheit. Wenn die dafür Verantwortlichen es nicht besser wüssten, wäre es eine grobe Fahrlässigkeit. Da sie es aber zweifellos wissen, kann man das nur als vorsätzlichen Betrug bezeichnen.

Von einem Fluss-Radweg kann man doch wohl erwarten, dass man die meiste Zeit am Fluss entlang geführt wird, oder ihn wenigstens sieht. Dieser Weg führt dagegen ohne vernünftigen Grund oft etliche Kilometer vom Kocher entfernt über die Hügel. Der einzige Grund, der uns einfällt, wäre der, dass man die toten Dörfer unterwegs durch die Touristen beleben will.

Ob die sich allerdings ein zweites Mal so verarschen lassen?

Wir sicher nicht!

 Das ist einmalig! 

Schade. Vielleicht gibt es ja auf den 330 Kilometern tatsächlich Radwege, die eine Tour lohnen würden. Ob wir es jemals erfahren werden ist ungewiss. Denn auf den Kocher-Jagst-Radweg kommen wir allenfalls zurück, wenn wir verbürgte Aussagen von erfahrenen Augenzeugen haben, die persönlich dafür haften.

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Goldene Mark Rundfahrt

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