rt-go: 2016-11-28

Klinik der Einflusslosen

von Rolf Tiemann

Ich muss gar nicht drum herum reden, gemeint sind natürlich die Uni-Kliniken Mainz. Sie genießen – vermutlich völlig zu recht – überall einen guten Ruf. Den will ich auch nicht im Geringsten ankratzen. Aber das ändert natürlich nichts daran, dass einem bei einem stationären Aufenthalt schon so Einiges widerfahren kann, bei dem man Probleme hat, sobald man es anderen erklären will.

Ich war – natürlich krankheitsbedingt – gezwungen, mich einige Zeit in stationäre Behandlung zu begeben. Ich hatte mehr als eine Woche gar nichts mehr essen können, weil mir alles sofort wieder hoch kam und “ernährte” mich praktisch nur noch von Wasser. Der Figur hat das zwar nicht geschadet, dem Wohlbefinden schon. Ursache war möglicherweise die Chemo-Therapie, die ich gerade durchführen musste. 10 von 12 Wochen hatte ich zwar schon gut überstanden, aber das sollte nun wohl vorbei sein. In der 11. Woche erging es mir gar nicht gut. Ich hatte dauernd Schüttelfrost und musste mich häufig übergeben. Als ich am Ende der Woche, am frühen Sonntag Morgen, auch noch das Wasser erbrach, war ich sehr froh, dass ich am Montag sowieso einen Termin in Mainz hatte. Dort erkannte man natürlich das Problem und nahm mich ab Dienstag – vorher war kein Bett frei – stationär auf, hängte mich an den Tropf und ernährte mich darüber. Bei der Gelegenheit füllte man auch gleich wieder ein Antibiotikum ein, das die Darmflora endgültig ruinierte und mir zu dem Brechreiz auch noch einen permanenten Durchfall bescherte. Aber man soll ja nicht undankbar sein. Außerdem versorgte man mich mit Windelhosen. Die hatten noch einen nützlichen Nebeneffekt: sie lieferten einige Stuhlproben, die anders gar nicht zu bekommen waren.

Der bereit gestellte “Kackstuhl” war nämlich total unbrauchbar: Hinten war zwar ein Topf unter gehängt, der die Stuhlprobe auffangen konnte, aber vorne war nichts als Luft und freier Raum. Falls ich das Gerät tatsächlich benutzt hätte, wäre zwar die Stuhlprobe gesichert gewesen, aber vorne hätte ich die Umgebung unter Wasser gesetzt. – Na gut, wär' nicht mein Problem gewesen. – Der Sitz war sowieso zehn Zentimeter zu hoch gebaut. Da hätten meine Füße ja gar nicht in der Pfütze hängen können.

Irgendwann samstags wurden dann die Windelhosen knapp. Die Pflegerin brachte dann zwar einige kleinere als Ersatz. Aber die waren natürlich viel zu klein. Mit etwas Mühe und viel Ausdauer konnte ich sie dann überzeugen, dass auch zwei kleine Hosen keine große ergeben und deshalb kein brauchbarer Ersatz sind. Darauf hin hat sie in einer anderen Abteilung noch einige in der richtigen Größe auf getrieben, mir aber gleich gesagt, dass in der Apotheke erst am Montag neue bestellt und geliefert werden könnten. Ich sah da kein Problem, weil die vorhandenen ja bis da hin dicke reichen würden.

Sie reichten sogar bis zum nächsten Wochenende, führten dann aber zu einem echten Problem. Weil die Uni-Apotheke ihren Vorrat offenbar nicht rechtzeitig ergänzt hatte, musste nun Nachschub vom Hersteller bestellt werden. Bis der dann irgendwann liefern würde, sollte natürlich dauern. Mir blieb an dem Wochenende (freitags nachmittags) gar nichts anderes übrig, als jemanden in meinem Heimatort noch ganz schnell in die Apotheke zu schicken und mir die Hosen nach Mainz bringen zu lassen.

Die Ernährung im Krankenhaus ist immer ein wichtiges Thema. Nicht nur, weil die Patienten krank sind, sondern auch, weil die natürlich ganz unterschiedliche Gewohnheiten, Geschmäcker und Erwartungen haben.

Ich habe nach Aussage meiner Hausärztin zwar Diabetes Typ 2, aber zum Glück nicht behandlungsbedürftig. Das hängt eventuell damit zusammen, dass ich Zucker schon immer hasse und meide wo es nur geht. Bei meinem ersten Frühstück im Krankenhaus hat man mir Brötchen, Butter, Konfitüre (50% Zucker) und Honig (100% Zucker) angeboten. Da empfand ich es geradezu als Glücksfall, dass ich sowieso noch nichts essen konnte.

Irgendwann im Laufe des Tages kam eine Dame mit ihrem 'Tablet' vorbei und fragte nach den Essenswünschen. Ich erklärte ihr meine Situation und was ich, wenn überhaupt, essen oder nicht essen könne. Darauf hin notierte sie, dass mir ein Brötchen genüge und ich Wurst oder Käse esse. Nach meinem Hinweis, dass ich nur Scheibenwurst oder -Käse esse, weil ich Schmierwurst oder -Käse nicht vertrage und erbreche, bekam ich den Satz zum ersten Mal zu hören:

“Darauf habe ich keinen Einfluss.”

Danach erfuhr ich dann auch noch, dass ich zum Frühstück zwar “Fruchtjoghurt”, also “Zuckerpampe”, bekommen könne, aber “Joghurt natur” nur abends. Morgens gebe es z.B. “Buttermilch” oder “Pudding”. Auf die Frage, ob ich das Frühstück auch ganz abbestellen könne, erfuhr ich, dass das keinen Sinn mache, weil es sowieso berechnet würde und dann ein Standardfrühstück komme, das bei Ablehnung auch komplett in den Müll gehe.

Toll !!!

Zum Frühstück gibt es übrigens Tee oder “Na-ja-Kaffee”. Dass man bei uns gelegentlich auch gerne mal warme Milch oder Kakao zum Frühstück trinkt, hat sich offenbar noch nicht herum gesprochen. Da scheint noch etwas Integrationsarbeit nötig zu sein, bis auch unser exotischer, rheinhessischer Kulturkreis in das Repertoire aufgenommen ist.

Wenn man von einer Abteilung z.B. zwecks Untersuchung in eine andere gebracht werden muss, wird damit ein Dienst beauftragt. Das kann z.B. ein externer Dienst sein. Dann kommt ein Taxifahrer, lädt seinen Rollstuhl aus, holt einen ab und bringt einen gewöhnlich in die Abteilung, in die man soll. Dort wird man dann deponiert und nach einiger Wartezeit zur Untersuchung gerufen. Danach wird man selbstverständlich gefragt, ob man auch wieder zurück gebracht werden soll und dann wird ggf. wieder ein Dienst beauftragt. Auf die Frage, ob und wann der komme, erhält man die bereits bekannte Antwort, die in den Unikliniken offenbar schon zur Grundausbildung für alle gehört:

“Darauf habe ich keinen Einfluss.”

Klar, die Taxifahrer bedienen den ganzen Raum Mainz und zu den Stoßzeiten geht da gar nichts.

Daneben gibt es auch einen internen Dienst, der von Bediensteten der Klinik ausgeübt wird. Der ist aber wegen Personalmangels ständig überlastet und funktioniert deshalb auch nicht besser. Und wenn man einen von ihnen fragt, wer die Termine fest legt, hört man selbstverständlich:

“Darauf habe ich keinen Einfluss.”

Wenn man Pech hat – vielleicht kommt es einem aber auch nur so vor und ist ganz normal – sitzt man hinterher 45 Minuten wartend herum ohne dass sich etwas tut. Nur, wenn man Durchfall hat, kann es natürlich sein, dass man inzwischen drei mal zu Fuß zur weit entfernten Toilette laufen muss. Tipp: “Unterwegs heftige Bewegungen vermeiden und keinesfalls lachen oder husten!”

Wenn man dann von dem “Spiel” die Schnauze gestrichen voll hat und zufällig den nicht all zu weiten Rückweg kennt, kann man ihn natürlich auch selbst zu Fuß bewältigen und in der Abteilung Bescheid sagen, dass jemand anderes den Transportsessel und die Akten holen könne. Das ist sicher nicht sehr nett gegenüber den Pflegern, die sich ja auch nicht gerade langweilen. Aber den Letzten beißen die Hunde. Und wenn man gar keine Wahl hat ...

Bei der normalen Visite kommt vormittags der Arzt, der aktuell Dienst hat, mit etwas “Anhang” zum Gespräch. Der erklärt einem dann, wenn man Glück hat, was die Ärzte wissen, aber oft auch, was sie eben noch nicht wissen, aber noch zu erfahren hoffen. So geschah es auch an einem Montag. Ich erfuhr, dass am nächsten Tag eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes und ein CT geplant sei, um weitere Einzelheiten zu sehen. Die Sonographie  erfolgte auch. Aber dann passierte nichts weiter. Am Dienstag nicht, am Mittwoch nicht und am Donnerstag nicht.

Am Donnerstag am Nachmittag, bei der großen Visite, kommt der Chefarzt und alle anderen Ärzte zum Gespräch mit dem Patienten. Bei dieser Gelegenheit habe ich mich darüber beschwert, dass das für Dienstag geplante CT immer noch nicht gemacht wurde. Der “Abteilungsarzt” bestätigte meine Aussage durch heftiges Nicken. Und was sagte der Chefarzt?

“Darauf habe ich keinen Einfluss.”

Immerhin verkündete er dann, dass das CT für den nächsten Tag, also Freitag, geplant sei. Und schon am kommenden Montag könne ich in die Chirurgie, damit mir ein Knoten zwecks Untersuchung entnommen werden könne.

Ursprünglich war das mal für den Freitag dieser Woche geplant. Das Wochenende habe ich natürlich in der angemessenen Geduld abgewartet, schließlich sollte ja am Montag endlich was Konkretes passieren. Außerdem wird man hier automatisch sehr geduldig und ganz bescheiden.

Das CT wurde am Freitag gemacht und der Montag kam. Statt jedoch in die Chirurgie hat man mich in die HNO gebracht. Dort sollte erst noch mal mittels Ultraschall untersucht werden, ob vielleicht ein anderer oberflächlicher Knoten am Hals besser geeignet wäre. Der wurde auch gefunden und wäre auch ganz ohne Ultraschall einfach zu sehen und zu fühlen gewesen.

Nachdem dann der nächstmögliche Termin auf den Dienstag der folgenden Woche gelegt wurde, hat jemand beschlossen, mich doch mal in die Chirurgie zu schicken, um zu erfahren, ob dort vielleicht ein früherer Termin möglich wäre. Das hätte man natürlich auch ohne weitere Ultraschalluntersuchung ganz einfach durch einen Blick in den Terminkalender erfahren können. Der zeigte, dass es keinen früheren Termin gab. Also blieb es beim kommenden Dienstag. Warum ich mich allerdings bereits am Montag melden sollte, hat mir niemand erklärt. Ich war daher gespannt und lies mich halt überraschen.

Am Montag melde ich mich in der entsprechenden HNO-Abteilung und fülle erst mal die Formalitäten aus. Die Arzthelferin im Büro erkennt sofort, dass es sich nur um einen ganz kleinen Eingriff handelt, der auch ambulant ausgeführt werden kann und fragt gleich mal den Chefarzt. Der untersucht und befragt mich kurz und entscheidet dann, dass der Eingriff sofort ausgeführt werden kann. Also werde ich in einen freien OP-Raum gebracht und vorbereitet. Ein Arzt kommt, verrichtet sein Werk und eine Stunde später bin ich schon auf dem Heimweg. Am Dienstag muss ich natürlich nicht wieder kommen und das Untersuchungsergebnis steht meinem Art in der nächsten Woche, wo ich sowieso wieder zur Kontrolle kommen muss, zur Verfügung.

Nun frage ich mich, ob der Eingriff nicht auch schon direkt nach der Untersuchung, eine Woche zuvor, möglich gewesen wäre und so insgesamt eine unnütze Woche Verzögerung eingespart hätte. Die, das behaupte ich mal, bei einem Kranken, der ja inzwischen leidet, doppelt zählt.

Und insgesamt stellt sich natürlich die Frage,
wie dieser Bericht in der Öffentlichkeit aufgenommen wird.
Aber, sicher ahnt es schon jemand:

“Darauf habe ich keinen Einfluss.”

 zurück  Index Gesellschaft  

Alles gesehen - nix kapiert - alles von vorn gucke!

zur Homepage / Neustart:
rt-go-Homepage