rt-go: Di 2011-06-04

Antakya
(von Hans-Uwe Daumann)

Warum Antakya? Das antike Antiochia, das auch den arabischen Namen Hatay trägt, ist eine kultur- und religionshistorisch enorm interessante Stadt. Wir – 21 Ludwigshafener – kamen im Anschluss unseres Gaziantep-Besuchs am 20. Mai für 3 Tage auf Empfehlung hierher, und hatten (zumindest ich) keine klare Vorstellung, was uns hier erwarten würde.

Uns erwartete kein übliches Hotel, sondern Schwester Barbara Kallasch und ihr Friedensprojekt. Die Franziskanerin aus Wiesbaden kam vor 35 Jahren in Antakya an und hat in dieser Zeit ein international anerkanntes interreligiöses Begegnungszentrum aufgebaut. Im – auch in Reiseführern beschriebenen – Dreieck von Moschee, Synagoge und katholischer Kirche, mitten in der Altstadt, hat sie mit ihren Mitstreitern verfallende Altstadthäuser aufgekauft und zu rustikalen, aber romantischen und angenehmen Gästehäusern umgebaut. Auf ihren Spuren und durch ihre Vermittlung haben wir im 99 % islamischen Land eine Stadt entdeckt, die sich Dialog und Toleranz auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Doch zuerst gings zum Friseur. Nach drei erlebnisreichen und durchgeplanten Tagen in Gaziantep waren wir mit dem Bus angekommen und wollten erst einmal kein Programm. “Zeit zur freien Verfügung”; neun von uns verbrachten vier Stunden beim Damen- resp. Herrenfriseur in der Vorstadt. Und weil nicht nur die Aktivität des “Kuaförs” selbst mit Schauwerten glänzt (die Männer bekommen z. B. die Bartstoppeln weg geflämmt), sondern auch der Laden und die hinzukommenden Nachbarn zur Unterhaltung beitragen, war der Friseurbesuch ein witziges Vergnügen mit interessanten Einblicken ins Vorstadtmilieu.

Unsere Busrundfahrt durch die Region am folgenden Tag kann man in Spiegelstrichen zusammenfassen, um das Tempo und die Vielfalt der Eindrücke wiederzugeben:

  • Bevor wir den Bus bestiegen, besichtigten wir die kleine Synagoge unweit unserer Unterkunft. Nur noch 35 Mitglieder halten das Gemeindeleben aufrecht. Wie auch die anderen geistlichen Orte auf unserer Tour erfreut sich das jüdische Zentrum regen Besucherinteresses, gerade auch von muslimischen Türken.
  • Am Berghang an der vorgelagerten Küste liegt ein – das letzte? – armenische Dorf (vgl. Stefan Zweig, Die 40 Tage von Musa Dagh). 35 Familien leben dort im armenisch-orthodoxen Glauben; ihr kleines Gemeindezentrum wird von vielen – auch einheimischen – Touristen besucht.
  • Ein paar Kilometer weiter steht in einem Tal an einem kühlen Bach der “Moses-Baum”; ein uralter Baumriese, der sowohl mythischer Ort als auch Naturdenkmal ist und um den sich ein kleines touristisches Zentrum mit Picknickplätzen und Garküchen entwickelt hat.
  • Wieder zurück fahren wir auf der Küstenseite die Bergkette hinab und lassen uns erst einmal in einem Restaurant am Strand mit einem Fischmenü verwöhnen.
  • Ein paar Kilometer nördlich lässt uns der Busfahrer zu den Überresten der antiken Stadt Seleukia Pieria aufsteigen. Antiochia/Antakya war Metropole der hellenistischen Kultur und später viertgrößte Stadt des Römischen Reichs, und Seleukia war ihre Hafenstadt. Über ein großes Gelände verstreut liegen Mauerreste, Nekropolen und ein imposantes Wasserversorgungssystem inkl. des “Titus-Tunnels”, den einst jüdische Sklaven für die Römer graben mussten.
  • Nach einer Schaukelfahrt zurück in die Stadt “reicht” die Zeit noch, die Petrusgrotte am Rand von Antakya anzusteuern. Der Legende nach hat der Apostelführer dort gepredigt. Gesichert ist, dass der Apostel Paulus von Antiochia aus seine vier Missionsreisen unternommen hat, deren vierte ihn nach Rom und in den Tod führte.
Ausspannen? Nicht mit uns! Eine halbe Stunde später sitzen wir frisch gewaschen und fein gemacht im Kulturzentrum der Stadt und lauschen dem “The Antakya Choir of Civilizations ”, dem vierzigköpfigen Chor von Barbara Kallaschs Friedensprojekt. Wir dürfen exklusiv in ein eigentlich nicht-öffentliches Konzert und hören Chor und Ensemble Lieder aus 5 Religionen und Konfessionen in mindestens ebenso vielen Sprachen vortragen. Schwester Barbara singt selbst im Chor; “tonangebend” ist der Dirigent Yilmaz Özfirat, der die Toleranzbotschaft der “Weltmusik” in beredte Moderationen packt. Am Ende kommt der Bürgermeister auf die Bühne und überreicht ihm eine Plexiglastrophäe.

Müde sein kann man ein anderes Mal, also sind wir nach dem Konzert in Grüppchen unterwegs. Bernhard und seine Begleiter landen im Hamam, im türkischen Bad. Dort ist ein privates Fest im Gange. Die Musik spielt auf, und, Originalton Bernhard: “10 nackte Männer tanzen um mich herum.” Wir wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er zwei Tage später Geburtstag haben wird. In jedem Fall gönnen wir ihm die vorgezogene Hamam-Party. Und damit keine Gerüchte aufkommen: Die Männer trugen ein Badetuch um ihre Lenden.

Der folgende Tag ist ein Sonntag und hat religiöse und kulturelle Eindrücke im Gepäck. Von den Minderheitskirchen in Antakya ist die rum-orthodoxe die größte. Wir schauen in den Gottesdienst und treffen anschließend einen Gemeindevorsteher, der uns zum Kaffee einlädt. “Wir waren vor den Muslimen da, und langsam erkennen sie das an,” sagt er uns. Er lobt die Regierung der (islamischen) AKP: Sie habe den Rum-Orthodoxen ihren Kirchenbesitz zurück gegeben und der Diskriminierung der Christen ein Ende gesetzt. Mit kleinen Ausnahmen: Als gemeine Soldaten werden auch die rum-orthodoxen Männer gezogen; zu den Offiziersrängen sind sie nicht zugelassen.

Nicht dass am Sonntag Shopping nicht möglich wäre: Viele Geschäfte sind geöffnet; auch im Basar, der größer und bunter ist als der in Gaziantep, und weit weniger auf Touristen ausgerichtet. So haben wir die Möglichkeit, uns mit allerlei Notwendigem und Nicht-so-notwendigem zu versorgen. Auch das archäologische Museum – weit weniger spektakulär als das in Gaziantep, aber mit einer ebenbürtigen Sammlung – lädt am Sonntag zu einem Besuch ein.

Der Tag der Rückfahrt bricht an. Und hält noch eine besondere Begegnung bereit. Im Rathaus empfängt uns Antakyas Oberbürgermeister Dr. Lütfü Savaş zu Smalltalk bei Tee und Ayran. Wir haben zwei leidlich türkisch sprechende Teilnehmer dabei, und der Bürgermeister müht sich im Englischen. Video- und Fotografen erwarten uns schon beim Eintreten, und kurz nach unserem Besuch ist er schon im Internet verewigt.

Ein letzter Zwischenstopp im schönen “Antik-Café” in der Altstadt, dann wartet schon unser Bus auf uns, um die Gruppe zurück nach Gaziantep zu bringen.

 
 zurück  Index 2011  

Weser-Radreise 

Alles gesehen - nix kapiert - alles von vorn gucke!

zur Homepage / Neustart:
rt-go-Homepage